das Magazin für  Insolvenzverwalter, Gerichte, Dienstleister, Wissenschaft, Banken, Versicherungen und alle, die am Thema Insolvenz interessiert sind
Ein Produkt der » Verlag INDat GmbH

Titelthema | Peter Reuter und Sascha Woltersdorf | INDat Report 02_2011

Frisch für den Markt!

An welchen Hochschulen Verwalterkanzleien den Nachwuchs finden

Köln. Es hat Zeit gebraucht, bis Insolvenz, Sanierung und Restrukturierung mit ernstzunehmenden Schwerpunkten in die Curricula der rechts-, betriebs- und wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge an Fachhochschulen und Universitäten Einzug gefunden haben, um gezielt qualifizierten Nachwuchs für Insolvenzverwalterkanzleien auf den Markt zu bringen. Dass dabei der Praxisbezug einen hohen Stellenwert haben sollte und das praktizierte Insolvenzrecht einen beträchtlichen Anteil an betriebswirtschaftlichem Wissen voraussetzt, ist inzwischen Common Sense. Während eine Handvoll Fachhochschulen begehrte Absolventen für einen Job in der Verwalterkanzlei gezielt vorbereiten, legen einige Universitäten mit speziellen Zusatzausbildungen nach, um aus Generalisten auch Spezialisten zu machen. Dennoch: Die Zahl der Hochschulen, an denen sich das »Abgreifen« der Absolventen lohnt, ist weiterhin sehr überschaubar.

Die Nachfrage nach erfahrenen Kräften für Insolvenzverwalterkanzleien ist ungebrochen. Das betrifft das gesamte Personal, sowohl die akademischen Sachbearbeiter und potenziellen Kandidaten für eine Verwaltertätigkeit als auch die nicht akademischen Mitarbeiter. Allerdings findet man eher selten Suchanzeigen von Verwalterkanzleien in einschlägigen Medien. Vielmehr funktioniert die Personalrekrutierung über das Abwerben. Ein Grund für dieses geräuschlosere Vorgehen ist auch, dass man geplante Expansionen und den personellen Kanzleiausbau, um letztendlich neue Insolvenzgerichte zu erschließen, nicht so gerne frühzeitig an die »große Glocke hängen« möchte.

Neben dem Abwerben erfahrener Kräfte von anderen Kanzleien und der Übernahme von Fachkräften aus insolventen Unternehmen, deren Leistung man über längere Zeit aus Betriebsfortführungen kennt, spielt die Suche nach frischen und spezifisch qualifizierten Studienabsolventen eine bedeutende Rolle. Kontakte zum Nachwuchs ergeben sich oft aus Praktika und Referendariaten, doch manchmal helfen auch Empfehlungen von Hochschullehrern. Noch besser an junge Mitarbeiter kommt der Insolvenzverwalter heran, wenn er selbst an einer Hochschule unterrichtet. »Der Eindruck, den ein Studierender in einer Vorlesung über ein Semester hinterlässt, ist tiefer und realistischer als ein Auswahlgespräch«, sagt Prof. Dr. Tobias Huep, Studiendekan für den Studiengang Unternehmensrestrukturierung und Insolvenzmanagement an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU). »Die Studenten werden oft direkt von den Dozenten angeworben.« Von den Hochschulen hört man, dass es an Angeboten von Insolvenzverwaltern, Studierenden Praxiseinblicke in Seminaren zu ermöglichen, nicht mangele.

Um als Insolvenzsachbearbeiter und später vielleicht als Verwalter tätig sein zu können, darauf bereitet das klassische Jurastudium bekanntermaßen nicht vor. Wenngleich Dissertationen bei renommierten, auf das Insolvenzrecht spezialisierten Professoren, wie zum Beispiel in Hamburg, Mannheim, Leipzig oder Kiel, wiederum einen Pluspunkt in der Vita ausmachen. Dennoch bleibt ein Defizit, denn in der Regel bietet die Universität nur graue Theorie. Daher schließt sich immer ein mehrjähriges »learning on the job« in der Kanzlei an. Aber: Einige Studiengänge laufen betont praxisorientiert ab, sodass zum Beispiel der Wirtschaftsjurist (FH) oft besser vorbereitet ist als der Volljurist – und übrigens, wie viele Fälle zeigen, genauso für den Verwalterjob geeignet ist. Um den weiteren Personalbedarf zu decken – auf jeden Verwalter kämen zehn bis 20 Mitarbeiter – schlägt RA Dr. Frank Thomas Zimmer (DZWIR 2011, 98ff.) vor, neben den einschlägigen FH-Abschlüssen und dem Angebot der Seminaranbieter zusätzlich Berufsakademien zu schaffen, die in zweieinhalb Jahren und in 25 Teilgebieten einen Insolvenz- und Sanierungsfachangestellten im dualen Ausbildungssystem qualifizieren. Organisatorische Grundlage dieses Systems könne eine Insolvenzverwalterkammer sein.

Mehr BWL, weniger Recht

»Ausgangspunkt ist die seit Beginn der InsO-Reform verbreitete Erkenntnis, dass Insolvenzverwaltung auch ein wirtschaftlicher Gestaltungsprozess ist und der herkömmliche Zugang zur Tätigkeit als Insolvenzverwalter diesem Prozess nur sehr unzureichend bis gar nicht entspricht«, sagt Prof. Dr. Hans Haarmeyer, der die Studiengänge Fachwirt für Insolvenzmanagement und das MBA-Fernstudium »Sanierungs- und Insolvenzmanagement« am RheinAhrCampus/FH Koblenz entwickelt hat. »Nicht jeder Verwalter kann jedes Unternehmen, sondern es gibt Branchen- und Wettbewerbsstrukturen, die spezielles betriebswirtschaftliches Know-how verlangen.« Daher stehe prozesshaftes und unternehmerisches Handeln im Mittelpunkt der Ausbildung am RheinAhrCampus. Dort gewichte man den betriebswirtschaftlichen Kompetenzerwerb deutlich höher als die rechtlichen Fragen der Insolvenzabwicklung. Praktiker als Dozenten gewährleisteten den unmittelbaren Bezug zur Arbeitswelt. Zudem sei das Curriculum vorrangig von Insolvenzpraktikern aufgebaut worden. »Absolventen unserer Ausbildung sind entweder bereits in einer Verwalterkanzlei tätig gewesen und damit weiter qualifiziert, einige haben erst dadurch die Möglichkeit bekommen, selbst als Verwalter tätig zu werden, auch wenn sie keine Volljuristen waren.« Oder die Absolventen, die sich erstmalig für diese Richtung entschieden haben, hätten einen Arbeitsplatz in einem Verwalterbüro erhalten.

Auch im Curriculum des Masters »Unternehmensrestrukturierung und Insolvenzmanagement« an der HfWU sei der Kernbereich des Insolvenzrechts auf Wunsch der Praxis ausgebaut worden, sagt Professor Tobias Hueb. Damit erreiche man eine insolvenzrechtliche und betriebswirtschaftliche Vertiefung, wie sie in Verwalterkanzleien gefordert sei, was zudem den Einsatz in der Praxis sofort ermögliche. »Wert wird außerdem auf die vernetzte Vermittlung von Gesamtzusammenhängen des Problemfelds Unternehmen in der Krise gelegt.« Dabei spiele auch die Beratung in der Krise außerhalb eines Insolvenzverfahrens eine wichtige Rolle. Seine Absolventen seien in den Verwalterkanzleien Schultze & Braun, Schneider Geiwitz, Derra, Grub Brugger, Wellensiek und Pluta »untergekommen«. Dies entspreche auch den als Dozenten vertretenen Kanzleien.

Berufschancen im Insolvenzbereich sind hervorragend

Seit 15 Jahren bietet die Fachhochschule Schmalkalden im Studium des Wirtschaftsrechts die Spezialisierung »Sanierung und Insolvenz« an, die an ein 20-wöchiges Pflichtpraktikum in einer Insolvenzkanzlei gekoppelt sei, sagt Prof. Dr. Bernhard Schellberg. Insolvenzverwalter halten Vorlesungen und bieten Seminare an. Zudem sei der LL.M. durch Internationalität geprägt mit Lehrenden ausländischer Hochschulen wie Professor Keith Gompertz von der University of Coventry. »Die Berufschancen im Insolvenz- und Sanierungsbereich sind hervorragend«, sagt sein Kollege Prof. Dr. Rainer Schackmar. Eine große Zahl potenzieller Arbeitgeber wende sich direkt an Professor Schellberg oder an ihn als Fachvertreter dieses Studiengangs. Eine »sehr große Anzahl« der Absolventen sei heute in der Insolvenzverwaltung tätig. Einzelne Studenten erhielten bereits Verträge vor Studienabschluss.

Der Bachelor-Studiengang Wirtschaftsrecht an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften in Wolfenbüttel halte zwar keinen Schwerpunkt im Insolvenzbereich bereit, erläutert Prof. Dr. Matthias Pierson, Dekan der Fakultät Recht, »aber eine exzellente Ausbildung im gesamten Wirtschaftsrecht«. Wie die Erfahrung gezeigt habe, sei dies offenbar eine hinreichende Qualifikation, um erfolgreich im Insolvenzbereich tätig zu werden. Die Veranstaltungen zum Insolvenzrecht würden ausschließlich von erfahrenen Insolvenzverwaltern angeboten. Seit 2010 ist der Absolvent der Hochschule, Dipl.-Wirtschaftsjurist (FH) Tobias Hartwig, der inzwischen auch als Verwalter bestellt wird und Vorsitzender der BS InsO ist, als Lehrbeauftragter tätig. Hartwig hatte Anfang 2003 als einer der ersten Absolventen diesen Studiengang abgeschlossen.

Auch besonders auf insolvenzrechtliche Fragestellungen ist der Studiengang »Rechtsmanagement« an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR) ausgerichtet, erklärt Verwaltungsleiterin Claudia Seim. Der Studiengang sei nicht vergleichbar mit dem der sonst bekannten wirtschaftsjuristischen Abschlüsse. »Wir vermitteln überwiegend wirtschaftsjuristische und speziell vollstreckungs- und insolvenzrechtliche Kenntnisse, aber es werden auch Gesellschafts-, Bank- und Steuerrecht gelehrt.« Betriebswirtschaft und Buchführung seien weitere Module. »Im Vergleich zum Volljuristen bilden wir nicht Generalisten, sondern Spezialisten aus.« Man schließe somit die oft beklagte Lücke zwischen Juristerei und BWL und richte den Studiengang bewusst auf Insolvenzverwaltung aus. Die beiden Praktika würden viele in Verwalterkanzleien absolvieren. Zudem erkundigten sich viele Verwalterkanzleien nach geeigneten Bewerbern. »Von Verwalterseite wird immer wieder berichtet, dass für den sogenannten Mittelbau speziell ausgebildetes Personal sehr gesucht sei. Auch in Berlin sind Insolvenzverwalter – RA Dr. Michael C. Frege, RA Dr. Helmut Eisner und RA Carsten Liersch – als Seminarleiter tätig.

Eine Sonderqualifikation im Bereich Insolvenz- und Sanierungsmanagement können die Studenten der Betriebswirtschaft (Bachelor und Master) an der Fachhochschule Kiel erlangen, sagt Prof. Dr. Natascha Kupka vom Fachbereich Wirtschaft, die selbst als Verwalterin und Treuhänderin tätig war. Der besondere Fokus liege auch auf der praktischen Tätigkeit in einem Verwalterbüro. Man beziehe daher sowohl die Verwalter als auch die Insolvenzgerichte in die Lehre ein.

Der Bachelor-Studiengang Wirtschaftsrecht an der Hochschule Hof hat ebenfalls einen Schwerpunkt Insolvenzrecht eingerichtet, der über zwei Semester läuft, sagt Pressesprecherin Christina Fischer. Speziell würden dort auch steuerliche Folgen der Unternehmensinsolvenz und Anfechtungstatbestände behandelt.

Absolventen können Wissen oft nicht in der Praxis anwenden

(…)

Diese Ausgabe bestellen » Bestellformular (PDF)

Ihr Draht zu uns

Sie wollen ein Probeheft, ein Abo oder ein Handbuch bestellen?

Ihr Unternehmen möchte eine Anzeige in einer unserer Publikationen schalten?

Schreiben Sie uns eine Mail
kundenservice@indat-report.de