das Magazin für  Insolvenzverwalter, Gerichte, Dienstleister, Wissenschaft, Banken, Versicherungen und alle, die am Thema Insolvenz interessiert sind
Ein Produkt der » Verlag INDat GmbH

Titelthema | Peter Reuter | INDat Report 04_2010

Von Insolvenz betroffen: Wie Schuldner ihr Scheitern erleben und als Neustart nutzen

Köln. Sie wollen nicht als »Club der Opfer« gesehen werden, sondern als Betroffene, die sich aktiv einbringen. Sie wollen die Zusammenarbeit zwischen Insolvenzverwaltern, Gerichten und Unternehmen verbessern. Der BV INSO – Bundesverband Menschen in Insolvenz und neue Chance e.V. ist die größte deutsche Selbsthilfegruppe von Menschen, die in die Insolvenz geraten sind. In den Gesprächskreisen der »Anonymen Insolvenzler« lernt man, persönlich mit dem Stigma des Scheiterns umzugehen. Aus den Erfahrungen mit Verfahren und Verwaltern macht der Verband Vorschläge, wie die Krise besser als Neustart und das Potenzial der Betroffenen wieder zum Wohle der Gesellschaft genutzt werden kann.

Ein Fall wie viele: Ein Dachdecker sitzt in einem Gesprächskreis der »Anonymen Insolvenzler«, er führte einen Betrieb mit zehn Mitarbeitern. Seine Auftragslage war rückläufig, und ein großer Bauträger hatte zudem seine Rechnung nicht gezahlt. Obwohl er das Unternehmen solide geführt hatte, musste er schließlich deshalb Insolvenz anmelden. Die Bank finanzierte außerdem keine Wareneinkäufe mehr. Der Insolvenzverwalter entschied, die Firma zu liquidieren. Dieser habe die Maschinen zu einem »Spottpreis« verwerten lassen, berichtet der Dachdecker. Der Verwalter habe nicht auf Anfragen reagiert, Beschwerden bei Gericht hätten keine Reaktion gebracht. Er ist wütend und fragt: Was kann ich tun? Wie kann ich mich wehren?

»Entscheidend für mich ist, dass Insolvenzen keine »Fälle« sind, sondern mit jeder Insolvenz ein menschliches Schicksal verbunden ist. Hier fehlt mir häufig die Sensibilität bei Gerichten und Verwaltern«, sagt Attila von Unruh, der im Herbst 2007 in Köln den ersten Gesprächskreis »Anonyme Insolvenzler« gegründet hat. Auch den 49-jährigen, langjährigen Geschäftsführer traf plötzlich die Insolvenz, die sein Leben ins Wanken brachte. »Als ein großer Kunde zahlungsunfähig wurde, musste ich in der Folge selber Insolvenz anmelden. Die Insolvenz habe ich traumatisch und lebensbedrohend empfunden – sie hat sich auf alle Lebensbereiche ausgewirkt: Familie, Freundeskreis, Kollegen, Geschäftspartner.« Er habe seine Identität und sein Selbstwert in Frage gestellt, er habe sich »unglaublich alleine mit den Sorgen« gefühlt und eine Zeit lang keine Perspektiven mehr gesehen.

Als seine Not am größten war, gründete von Unruh den Gesprächskreis »Anonyme Insolvenzler«, in dessen geschütztem Raum er über seine emotionale Situation reden und sich austauschen konnte. »Die Möglichkeit, anonym zu bleiben, wird sehr häufig am Anfang genutzt, um in Kontakt zu treten«, sagt von Unruh, der den Kölner Gesprächskreis leitet und heute als selbstständiger systemischer Coach und Unternehmensberater arbeitet. Er ist einer von 23 ehrenamtlichen Mitarbeitern im BV INSO, die für diese Aufgabe ausgebildet wurden.

»Viele hatten überhaupt keinen Ansprechpartner, und wenn, dann haben sie allenfalls Mitleid erfahren, aber keine Hilfe«, sagt Joachim Niering, der den Düsseldorfer und Berliner Gesprächskreis leitet. »So haben sich viele isoliert, in Ausreden und Ausflüchten verfahren und versucht, es ganz zu verheimlichen. Sie haben ein sehr eingeschränktes Selbstwertgefühl und trauen sich viele Dinge nicht mehr zu.« Die Studie »Armut, Schulden und Gesundheit« (ASG-Studie) des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Mainz hat 2008 ergeben, dass acht von zehn überschuldeten Menschen an einer Krankheit leiden, denn Geldsorgen, Druck und Angst wirkten sich massiv auf die Betroffenen aus, was zur seelischen Erschöpfung, Burn-Out und Krankheiten führen kann.

Die Kraft der Gruppe macht Mut

In den Gesprächskreisen brauche man sich nicht zu erklären, sagt Niering, denn alle Teilnehmer würden die Situation kennen. »Die Kraft der Gruppe macht Mut und öffnet Perspektiven.« Hilfestellung erfolge erst einmal im emotionalen Bereich, sagt die Leiterin der Hamburger Gruppe, die anonym bleiben will. »Der Betroffene empfindet die »Anonymen Insolvenzler« als einzigen Raum, wo er sich unbefangen in einem geschützten Raum bewegen kann.« Ein Prinzip, das sich nicht nur in der 1935 in den USA initiierten Selbsthilfegruppe der »Anonymen Alkoholiker« bewährt hat.

Die Gesprächskreise der »Anonymen Insolvenzler«, die vom im Jahr 2009 gegründeten BV INSO getragen werden, sind bis auf den Osten nahezu in allen deutschen Ballungszentren präsent. Sie verweisen Ratsuchende an Experten mit eigener Krisenerfahrung – zum Beispiel selbst in Insolvenz geratene Rechtsanwälte, Ärzte und Therapeuten – die ihre Unterstützung kostenlos anbieten. Der Verein finanziert sich hauptsächlich über Spenden, alle Mitarbeiter engagieren sich ehrenamtlich. Der Mitgliedsbeitrag beläuft sich im Jahr auf 24 Euro für ordentliche Mitglieder, seit Januar 2010 werden auch nicht stimmberechtigte Fördermitglieder aufgenommen.

Neben Köln, Düsseldorf, Berlin und Hamburg treffen sich weitere Regionalgruppen regelmäßig in München, Hannover, Dortmund und Frankfurt am Main. Jede Gruppe umfasst etwa 20 Teilnehmer, von der Hausfrau bis zum ehemaligen Vorstandsvorsitzenden, das Durchschnittsalter liegt bei 50 Jahren, der jüngste war 19, der älteste 70 Jahre alt. Am 7.7.2010 startet eine neue Gruppe in Wien. Inzwischen verweisen zahlreiche Verwalter, Schuldnerberatungsstellen und Fachanwälte auf dieses Angebot, denn sie wüssten, sagt von Unruh, dass die emotionale Unterstützung der Gesprächskreise ihre Arbeit auf der Sachebene erleichtere. Man müsse allerdings den Verlauf einer Insolvenz in Form einer »Veränderungskurve« (Vorahnung, Schock, Abwehr, rationale Akzeptanz, emotionale Akzeptanz, Öffnung, Integration) erkennen, um den richtigen Zeitpunkt auszumachen, an dem Hilfe erst möglich ist. Über Zukunftsszenarien zu reden, mache keinen Sinn, wenn der Schock noch vorherrsche. Auf das Erkennen des richtigen Zeitpunktes konzentriere sich ein wesentlicher Teil der Gruppenarbeit.

Im Jahr 2009 haben 1200 Teilnehmer an den Gesprächskreisen teilgenommen, das Verhältnis Männer/Frauen betrug 60/40 Prozent. Circa 60 Prozent waren als Unternehmer, Freiberufler und Selbstständige tätig. Über das Internet haben etwa 1500 Personen Anfragen gestellt und Hilfe erhalten, hinzu kommen Gespräche per Telefon und Anfragen per Post. Circa 30 Prozent der Anfragen bezogen sich auf die Insolvenzvermeidung.

Es ist kein Club von Opfern

Im BV INSO engagierten sich Menschen, die bereit sind, aus ihren Fehlern zu lernen und Verantwortung zu übernehmen. »Es sind kaum Menschen mit Konsumschulden, sondern in der Regel viele Unternehmertypen, die in ihrem Leben Dinge bewegt haben«, erklärt von Unruh. »Es ist kein Club von Opfern, der dazu neigt, Banken, Politik und Gesellschaft für die Situation verantwortlich zu machen, sondern Menschen, die ihr Leben lang Steuern bezahlt, Arbeitsplätze geschaffen haben und Teil der Gesellschaft waren – bis zum Zeitpunkt ihrer Insolvenz, in der sie Ausgrenzung und Entmündigung erfahren haben.« Der BV INSO fordert daher, die Betroffenen zu Beteiligten zu machen, denn sie würden oft Potenziale bergen, die sie wieder zum Wohle der Gesellschaft einbringen könnten.

Auf dem Deutschen Insolvenzrechtstag im März dieses Jahres lobte MinDir Marie Luise Graf-Schlicker auf einer Podiumsdiskussion das Engagement der »Anonymen Insolvenzler« und ihren Beitrag in der Diskussion über Reformen im Insolvenzrecht. Auch auf dem Kolloquium des Bundeswirtschaftsministeriums zum vorinsolvenzlichen Sanierungsverfahren am 8.6.2010 in Berlin ist der BV INSO wie auch auf anderen Workshops und Kongressen eingeladen. Die »Stimme der Betroffenen«, so stellt der Verband fest, werde langsam, aber allmählich wahrgenommen.
Der bundesweit präsenten Selbsthilfegruppe gehe es nicht darum, nur Tadel am Verfahren und Verwalter auszusprechen und schon gar nicht darum, Missstände zu verallgemeinern. Man registriere ganz genau auch das Lob, das die Teilnehmer äußerten, betont von Unruh. Es gebe viele, die sagten, dass das Insolvenzverfahren das Beste gewesen sei, was ihnen passieren konnte. »Gerade in Zeiten, in denen man den Glauben an sich verloren hat und keine Perspektiven mehr sieht, kann der Zuspruch des Verwalters eine ungemeine Unterstützung sein.« Dass der Verwalter ihnen einfach mal zugehört habe, auch das schaffe Vertrauen und begünstige die Zusammenarbeit. »Manchmal helfen nur fünf Minuten des Zuhörens.« Es gebe Lob, »und das nehmen wir sehr bewusst zur Kenntnis, aber es sind Ausnahmen«, sagt Gesprächskreisleiter Niering.

(…)

Diese Ausgabe bestellen » Bestellformular (PDF)

Ihr Draht zu uns

Sie wollen ein Probeheft, ein Abo oder ein Handbuch bestellen?

Ihr Unternehmen möchte eine Anzeige in einer unserer Publikationen schalten?

Schreiben Sie uns eine Mail
kundenservice@indat-report.de