das Magazin für  Insolvenzverwalter, Gerichte, Dienstleister, Wissenschaft, Banken, Versicherungen und alle, die am Thema Insolvenz interessiert sind
Ein Produkt der » Verlag INDat GmbH

Titelthema | Sascha Woltersdorf | INDat Report 07_2009

Twitter, Blogs und Foren:
Wo über Insolvenzen »gezwitschert« wird

Köln. Im Internet blüht die Meinungsvielfalt. Fast jeder Internetnutzer kann seine persönlichen Sichtweisen und Kommentare in Blogs, Foren und sozialen Netzwerken wie Facebook oder Nachrichtendiensten wie Twitter abgeben. Aber was bedeutet diese nahezu ungefilterte Flut von Stimmungen, Meinungen und Informationen für Insolvenzverwalter, -verfahren und Unternehmen in der Krise? Wie geht man damit um? Können die neuen Möglichkeiten des sogenannten »Web 2.0« sogar hilfreich für den Weg aus der Krise sein?

Die Dame regt sich richtig auf. Bei der Insolvenz eines großen Handelskonzerns würden die Unternehmensteile »nur noch verramscht«. Klar, dass schon »die Geier« auf ihre »Filetstücke« warteten. Und der Insolvenzverwalter? Der kassiere dafür viele Millionen Euro ein. Eine andere ist selbst betroffen: Als Geschädigte einer Fertighaus-Insolvenz hat sie an der Gläubigerversammlung teilgenommen und berichtet nun detailliert über die Ausführungen des Insolvenzverwalters, die Beschlüsse der Versammlung und ihre eigene – überraschende – Erkenntnis, dass der Baukonzern aus einer Mutter-AG, einer Tochter-GmbH und einem Beherrschungsvertrag zwischen beiden bestehe. Ihre Vermutung: Das sei gut für die Aktionäre und schlecht für die Häuslebauer. Und ein Dritter fragt anlässlich der Insolvenz eines Autohauses süffisant, ob ein ortsnah sehr aktiver Insolvenzverwalter nicht inzwischen zum größten Arbeitgeber der Region geworden sei?

Der Ort dieser Auskunfts- und Meinungsfreude ist immer derselbe: das Internet. Genauer: sogenannte »Blogs« oder »Weblogs«, ein Kunstwort aus dem Web – also dem Internet – und Log, dem Logbuch. Früher gab es für persönliche Gedanken das Tagebuch, das nach dem Eintrag zugeklappt wurde und für die anderen nicht sichtbar in der Schreibtischschublade verschwand. Heute ist man offen für jeden und alles, die ganze Welt darf mitlesen. Und mitreden. Die meisten Blogger erlauben ihren Lesern das Verfassen von Kommentaren, die dann ebenfalls online stehen und von allen gelesen werden können. Allein in Deutschland gebe es mehr als 130.000 Blogs, schätzen Medienexperten. Rund acht Prozent der deutschen Internetnutzer schreiben mindestens einmal pro Monat Beiträge in eigenen oder fremden Blogs. Weitere zwölf Prozent bloggen gelegentlich, hat der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) festgestellt. Gelesen werden die Online-Tagebücher von fast jedem zweiten Internetnutzer. Andere Umfragen haben ein nicht ganz so ausgeprägtes Interesse festgestellt. Laut einer gemeinsamen Studie von ARD und ZDF lesen lediglich acht Prozent aller Deutschen Blogs. Die Altersunterschiede sind dabei groß: 14 Prozent der unter 30-Jährigen begeistern sich für das neue weltweite Mitteilungsbedürfnis. Bei den über 40-Jährigen sind es nur noch fünf Prozent, bei den über 60-Jährigen sinkt das Interesse gar auf ein Prozent.

Das Internet wird sozial

Muss man dieses neue Medium ernst nehmen oder handelt es sich nur um ein so lästiges wie unvermeidbares Grundrauschen des Informationszeitalters? Das Internet wird immer mehr zu einem »Mitmachnetz«, das von aktiven Nutzern geprägt wird, die eigene Texte, Bilder, Ton- und Videoaufnahmen nahezu unbegrenzt veröffentlichen. Blogs stellen nur einen kleinen Teil dieser häufig »Web 2.0« (siehe Kasten) genannten neuen Entwicklung dar, deren Auswirkungen enorm sind: Entstanden sei ein riesiger »Resonanzboden für Meinungen«, sagt Insolvenzverwalter und Rechtsanwalt Wilhelm Klaas. Vor allem deshalb verfolge seine Kanzlei dieses »tendenziell chaotische Angebot«. »Man kann gut erkennen, welche Stimmungen entstehen und ob beziehungsweise wie bestimmte Informationen, die man nicht selten selbst zur Verfügung gestellt hat, angekommen sind.«

Selbst bei klassischen Printmedien, wie den Tages- und Wochenzeitungen, verblassen die guten alten Leserbriefspalten angesichts der zahlreichen Beiträge auf den Online-Seiten der Zeitungen. Internetpräsenzen wie Welt.de, Zeit.de, Sueddeutsche.de, Tagesspiegel.de und Spiegel.de – der in Deutschland erfolgreichste Web-Auftritt eines ehemals reinen Printmediums – quellen über von Beiträgen der Leser. Manche Themen haben Hunderte Kommentare. Ganz oben: Schlagzeilenträchtige Schieflagen großer Arbeitgeber wie Opel und Arcandor, aber auch Pleiten von Herstellern, die zahlreiche Kunden haben, wie der Fertighaushersteller Kampa oder der Küchenlieferant Astroh. »Blogs basieren häufig auf persönlichen Erlebnissen. Ist ein Blogger von einer Krise oder Insolvenz selber betroffen, etwa bei drohendem Verlust des Arbeitsplatzes, Verlust einer Anzahlung usw., ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass dies veröffentlicht wird«, weiß Andreas Kunze, der sich als ehemaliger Redakteur des Handelsblatts mit einem Wirtschafts- und Finanzblog selbstständig gemacht hat. Häufig greifen verschiedene Teile des Web 2.0 ineinander. Wenn etwa eine Berliner Tageszeitung in einem großen Artikel – der selbstverständlich online zu lesen ist – kritisch über einen angeblich ruppigen Umgangston in einem insolventen Konzern berichtet, wird dieser Zeitungsartikel wiederum von Rechtsbloggern aufgegriffen. Das Blatt berichtete, so der Blogger, von einem »überheblichen Stil bis hin zu Beleidigungen, Einschüchterungen und falschen Versprechen«. Eine Debatte entsteht, schnell sind Blogger und Kommentatoren beim Thema Verwalterbestellung und Qualitätskontrolle. Wiederum bedienen sich auch Journalisten dieser Informationsquelle im Netz, um in den Gerüchten und Stimmungen neue Themen aufzuspüren. Der seriöse Journalist nimmt natürlich diese Hinweise nicht als bare Münze, sondern überprüft die Angaben und entscheidet dann, ob sie überhaupt für eine weitere Recherche oder Berichterstattung tragen. Doch als eine zusätzliche Quelle werden die Blogs inzwischen sehr geschätzt.

Von einer direkten Reaktion auf die vielen Stimmen im Internet hält Klaas allerdings nichts. »Lesen wir etwas über ein aktuelles Verfahren, mit dem die Kanzlei betraut ist, prüfen wir immer, ob die den Äußerungen zugrunde liegenden Informationen stimmen. Wenn nicht, reagieren wir. Aber nicht dadurch, dass wir uns etwa an einem Blog beteiligen, sondern indirekt.« Eventuell führe man außerplanmäßige Betriebsversammlungen durch, verfasse Rundschreiben an die Mitarbeiter, spreche mit Kunden und Geschäftspartnern oder stelle in einer Mitteilung an die Presse die Dinge richtig. Oft seien Berichte im Netz nicht direkt falsch, träfen jedoch nicht den Kern der Sache. Im Fall einer Betriebseinstellung seien beispielsweise in Blogs und Foren Berichte darüber aufgetaucht, dass die überwiegende Anzahl der Gläubiger an einer Unternehmensfortführung interessiert gewesen sei. Klaas: »Das war zwar richtig, aber der Hauptauftraggeber, von dem etwa 80 Prozent der Aufträge stammten, wollte nicht weitermachen und hatte sich vertraglich bereits anderweitig gebunden. Dass einer Sanierung dadurch der Boden entzogen war, haben wir deshalb in Mitteilungen nochmals deutlich gemacht.«

Mal richtig Dampf ablassen

Viele Gläubiger nutzten Foren, Blogs und die Online-Kommentarspalten von Zeitungen und Sendern, um einmal »richtig Dampf abzulassen«, berichtet Rechtsanwalt Christian Weiß (Hoeller Rechtsanwälte, Bonn). Der angehende Fachanwalt für Insolvenzrecht vertritt regelmäßig Gläubiger in Insolvenzverfahren und hat erleben können, wie »der eine oder andere am Rechner zu Hause kräftig vorglüht, um dann zur Gläubigerversammlung zu fahren«. Weiß selbst nutzt vor allem seriöse Foren wie www.insolvenzrecht.de, auf denen sich hauptsächlich Verwalter und Insolvenzrechtler treffen, um Einschätzungen und Erfahrungen einzuholen.

Es gebe jedoch eine Reihe anderer Foren, in denen »Stimmung gemacht wird, mal sachlich, mal unsachlich«. Sogar manch gut gemeinten »Ratschlag« von Rechtsanwaltskollegen hat er gelesen. Weiß: »Das ist nicht immer seriös, sondern oft bloße Eigenwerbung, die den Betroffenen nicht viel hilft.«

Dennoch präsentieren sich immer mehr Rechtsanwälte und Kanzleien im Web. In den USA, in denen viele neue Internet-Strömungen früher als in Deutschland auftreten, gibt es schon eine Wortkreation für Blogs von Anwälten: »Blawgs« mit dem Begriff »Law« im Zentrum. Selbst der Deutsche Anwaltverein (DAV) bietet unter www.anwaltsforum.de eine Reihe von Foren an, in denen diskutiert werden kann. Ein gesondertes Insolvenzrechtsforum des DAV gibt es allerdings noch nicht.

Reicht mitlesen alleine aus?

Informationsstand, Meinungsbilder und Stimmungslagen lassen sich sicherlich durch rein passives Mitlesen erkennen. Aber schneller und einfacher erhalte man die Rückmeldungen, wenn man sich aktiv beteiligt, rät der Branchenverband Bitkom. Im Web 2.0 herrsche geradezu eine »Feedback-Kultur«. Und wer Angst vor Kritik habe, müsse bedenken, dass diese auch außerhalb des Internets existiert – mit dem Unterschied, dass man im Netz die Chance erhalte, direkt von dieser zu erfahren und reagieren zu können. Dies helfe gerade Unternehmen in der Krise, sich besser zu präsentieren, glaubt Daniela Graf, Bitkom-Bereichsleiterin für Marketing und Vertrieb. »Wer sich an Netzwerken beteiligt, ist in der Lage, schneller zu reagieren, sobald Negatives geschrieben wird. Eine Herausforderung besteht darin, gute und lesenswerte Nachrichten zu generieren, die optimalerweise einen Dialog mit dem Kunden eröffnen. Platte Werbung allein reicht nicht aus, ein Unternehmen muss auch ein bisschen Mehrwert generieren.«

»Mehr Diskussionskultur« wünscht sich auch Wirtschaftsblogger Kunze. »Für das Image mancher Krisenunternehmen wäre es sicher nützlich, über Kommentare oder Beiträge die Sicht des Unternehmens zu verdeutlichen. Wenn dies offen geschieht, also nicht getarnt als normaler Internetnutzer, reagiert die Internetgemeinde darauf positiv. Eine ehrliches Meinungsmarketing im Internet bringt mehr Sympathien als eine millionenschwere, klassische PR-Kampagne.« So gibt es in den USA Tausende von »Corporate Blogs«, in denen Unternehmen über sich berichten, aber auch mit ihren Kunden kommunizieren. In Deutschland gehen laut Medienexperten weit weniger Unternehmen diesen Weg. Von kürzlich vom Software-Riesen IBM befragten 1000 Entscheidern im Mittelstand sahen 81 Prozent keinen geschäftlichen Sinn in Web-2.0-Anwendungen. Ein Drittel der Befragten kannte den Begriff noch gar nicht. Zu den Ausnahmen gehören unter anderem Daimler, T-Systems, Frosch und Frosta. Für den Tiefkühlkosthersteller diskutieren unter www.frostablog.de rund 30 Blogger und zahllose Interessierte ohne Scheuklappen darüber, ob ein neues Pilz-Risotto nicht vielleicht zu fad ist, ob eine Brigitte-Diät funktioniert oder welche Informationen auf Lebensmittelverpackungen stehen sollten. Das Gegenbeispiel lieferte die Deutschen Bahn, die während der Privatisierungsdebatte im Jahr 2007 deutlich mehr als eine Million Euro unter anderem für verdeckte Blog-Einträge und Leserbriefe ausgab. Der deutsche PR-Rat rügte die PR-Agenturen, die in diesen Fällen für die Bahn tätig waren, öffentlich. Dem Image der Bahn half das nicht.

In den USA hauen selbst Unternehmenslenker in die Computertastaturen. Bill Marriott, der 76-jährige Chairman und CEO der internationalen Hotelkette, gehört dazu – und würde in Deutschland wohl als Sonderling gelten. Der Chef des US-Konzerns mit einem Jahresumsatz von nahezu 13 Milliarden Dollar findet es nützlich, unter dem Titel »Marriott on the Move« nicht nur über die Hotelbranche zu schreiben, sondern gleichermaßen über Themen wie Kochen, Football oder den brasilianischen Regenwald. Das Feedback von Gästen und Geschäftspartner dürfte den Patriarchen vor allem interessieren: »This blog allows us to hear from you«, schreibt er über sein Selbstverständnis als Blogger. Einen solchen bloggenden Unternehmenschef findet Stefan Laurin, verantwortlich für den im Ruhrgebiet viel gelesenen Blog Ruhrbarone, »prima«. Aber nur, wenn »der Blog transparent bleibt und Interessantes zu erzählen hat. Wer es heimlich macht, riskiert unter Bloggern einen riesigen Imageschaden. Offenheit kommt dagegen immer an. Und offen mitzureden ist allemal besser, als die Gerüchteküche brodeln zu lassen.«

Kein »rechtsfreier Raum«

Kocht die Gerüchteküche, muss es schnell gehen. Im Extremfall verbreiten sich die Falschmeldungen wie ein Virus epidemisch von User zu User. Das Internet ist ein wahrer Klatsch- und Tratsch-Booster. Kunze: »Gerüchte lassen sich kaum stoppen, wohl aber die negativen Folgen.« Dafür müssten Unternehmen sowie Insolvenzverwalter aber schnell handeln und wissen, wie man Fakten im Internet platziere. »Böse Briefe von Anwälten sind dabei aber die so ziemlich dümmste Reaktion, dann verbreitet sich das Gerücht erst recht schnell.« Wer etwa dafür sorgt, dass Wikipedia wegen umstrittener Passagen abgeschaltet werden muss – und sei es nur für kurze Zeit – verärgert nicht nur die Nutzer-Heerscharen des Online-Lexikons, sondern bringt das strittige Thema erst recht in die Öffentlichkeit. So endete beispielsweise der Versuch des damaligen Bundestagsabgeordneten Lutz Heilmann (Die Linke), Wikipedia per einstweiliger Verfügung die Aussage zu untersagen, er sei hauptamtlicher Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen, in einem Desaster. Heilmanns MfS-Tätigkeit steht nach wie vor dort – und wurde durch zahlreiche Berichte in Blogs und Presse noch bekannter. Zur aktuellen Bundestagsfraktion der Linken gehört Heilmann übrigens nicht mehr.

(…)

Diese Ausgabe bestellen » Bestellformular (PDF)

Ihr Draht zu uns

Sie wollen ein Probeheft, ein Abo oder ein Handbuch bestellen?

Ihr Unternehmen möchte eine Anzeige in einer unserer Publikationen schalten?

Schreiben Sie uns eine Mail
kundenservice@indat-report.de