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Titelthema | Peter Reuter | INDat Report 03_2009

Liquide in der Krise?

Wer sich den Kauf aus der Insolvenz noch leisten kann

Köln. Viele Insolvenzverwalter stehen derzeit vor einem Dilemma. Wo in Krisenzeiten einen liquiden Investor finden? Selbst M&A-Berater, die weltweit vernetzt sind, beobachten eine abnehmende Anzahl möglicher Interessenten. Beim Bremsbelaghersteller TMD Friction dagegen ist es nicht nur gelungen, einen Käufer zu finden. Pamplona Capital Management stemmt den Kauf sogar zu 100 Prozent aus Eigenkapital. Dieser Fall zeigt, dass Verwalter weltweit auf Investorensuche gehen müssen und sich gerade in Krisenzeiten von externen M&A-Beratern unterstützen lassen sollten.

Die Liste ist lang, und sie wird noch anwachsen. Karman, Woolworth, Rosenthal, Hertie, Qimonda, Märklin und Schiesser sind die wohl bekanntesten Beispiele insolventer Unternehmen, für die momentan die Insolvenzverwalter einen Käufer suchen. Die Zeiten sind nicht rosig, um liquide Investoren zu finden. Erschwerend kommt hinzu, dass eine Gruppe von Interessenten häufig selbst mit finanziellen Engpässen zu kämpfen hat und an neue Übernahmen kaum denken kann: die Private-Equity-Branche. Kauften PE-Fonds noch vor einigen Jahren auch zum Teil Unternehmen in Krisensituationen, so können sie die übernommenen Firmen häufig nicht mehr halten – vor allem dann, wenn weitere Finanzspritzen nötig sind. Man sieht das zum Beispiel an Woolworth, Märklin, Hertie und dem Autozulieferer Edscha: Sie gehören Finanzinvestoren und mussten Insolvenz anmelden. Das sei aber erst der Anfang, warnt die Studie »Get Ready for the Private-Equity Shakeout«, die die Boston Consulting Group und die IESE Business School der Universität Navarra kürzlich erstellt haben. Danach dürften fast die Hälfte von Private-Equity übernommenen Firmen wegen ihrer hohen Schulden in den nächsten drei Jahren Schwierigkeiten haben, ihre Kreditvereinbarungen zu erfüllen. Den Abschreibungsbedarf beziffern die Experten der Studie auf weltweit rund 300 Milliarden Dollar.

Man solle diese Branche bloß nicht verteufeln, sagt Rechtsanwalt und Insolvenzverwalter Dr. Frank Kebekus. Es sei die Aufgabe des Verwalters, bei der Suche nach einem Investor die »hoch unseriösen«, die es durchaus gebe, von den seriösen zu unterscheiden. »Würden wir die gesamte Branche als Partner ablehnen, dann könnten wir uns die Hälfte der großen Sanierungen schenken und direkt liquidieren.« Insgesamt sei die Lage schwieriger geworden, Investoren zu finden, die nicht nur die finanziellen Mittel haben, sondern auch seriöse Sanierungsmodelle aus der Insolvenz umsetzen können, bestätigt Kebekus. Im Fall von TMD Friction, die am 8.12.2008 beim AG Köln für die deutschen Gesellschaften und die Holding Insolvenzantrag stellen musste, ist es gelungen, mit dem englischen Finanzinvestor Pamplona Capital Management einen Käufer zu finden. Für den Erfolg sei ein »Konglomerat mehrerer Aspekte« ausschlaggebend gewesen. TMD Friction mit etwa 4500 Mitarbeitern und einem Umsatz von zirka 700 Millionen Euro ist Europas größter Bremsbelaghersteller und die Nummer Drei in der Welt, zu dessen Kunden Autobauer wie Daimler und VW gehören. Auch beliefert TMD mit vielen Marken den weltweiten Ersatzteilmarkt. Damit hat das Unternehmen ein besonderes Standing, das es für eine Übernahme interessant macht.

Konzern zusammenzuhalten, hat Priorität

»Der zweite Faktor war, dass wir es geschafft haben, den Konzern weltweit zusammenzuhalten.« Man habe sechs insolvente Unternehmen in Deutschland, aber letztlich sei die gesamte weltweite Gruppe betroffen gewesen, deren über 30 Teilgesellschaften u.a. in den USA, Brasilien, Japan und China vertreten sind. »Wir konnten dem Käufer einen Gesamtkonzern anbieten. Wenn uns das nicht gelungen wäre und wir im Ergebnis viele einzelne Verfahren in verschiedenen Jurisdiktionen gehabt hätten, hätten wir wahrscheinlich keinen Käufer gefunden.« Dieser Aspekt sei besonders in der aktuellen Diskussion um das Konzerninsolvenzrecht, zu dem derzeit eine Arbeitsgruppe im BMJ Vorschläge für eine gesetzliche Regelung entwickelt, ein nicht zu unterschätzender Faktor, der für alle weltweit vertretenen Konzerne in der Insolvenz gelte. Und zum Dritten sei die richtige Wahl des M&A-Beraters auch für den Erfolg bedeutend gewesen. Bei Close Brothers, mit dem Kebekus das erste Mal zusammengearbeitet hat, sei von Vorteil gewesen, dass die Frankfurter Investmentbank nicht nur diesen Bereich der Automobilzuliefererbranche bereits kannte, sondern auch international sehr breit aufgestellt ist, um 50 bis 60 potenzielle Investoren anzusprechen. Zum Schluss habe man sich unter fünf Kandidaten für Pamplona entschieden. Dafür sprach neben der besten Lösung für Unternehmen, Beschäftigte und Gläubiger, dass die Übernahme zu 100 Prozent aus Eigenkapital finanziert ist. »Das war für mich ein ganz wichtiges Kriterium, einen eigenkapitalstarken Partner zu haben.« Viele Finanzinvestoren seien interessiert und hätten ein durchdachtes Angebot, doch wenn man sich durch 30 Seiten »durchgekämpft« habe, finde man im letzten Absatz: Dieses Angebot steht unter Finanzierungsvorbehalt. Bei eigenkapitalfinanzierten Übernahmen könne man davon ausgehen, dass der Käufer, falls das Unternehmen wieder einmal Mittel braucht, diese auch bereitstellen könne.

Spezialist für Umbruchsituationen

Fast ausschließlich aus Eigenkapital finanziere auch die Münchener Beteiligungsgesellschaft Aurelius AG die Übernahmen, erklärt deren Vorstandsvorsitzender Dr. Dirk Markus. »Mit über 150 Millionen Euro Eigenkapital und mehr als 70 Millionen Euro liquiden Mitteln sehen wir uns auch bestens finanziert.« Da der klassische PE-Fonds auf Fremdkapital angewiesen sei, dieses doch zurzeit rar sei, bestehe ein hoher Bedarf an alternativen Finanzierungsformen, wie sie etwa Aurelius biete. Aurelius sei »grundsätzlich auch an Übernahmen aus einer Insolvenz heraus interessiert«, wenn das Unternehmen ein deutliches Potenzial für operative und strategische Verbesserungen aufweist. Man sei nicht auf bestimmte Branchen spezialisiert, sondern begreife sich als Spezialist für Sonder- und Umbruchsituationen. »Wir sprechen ganz offen an, dass sich 15 bis 20 Prozent unserer Konzerntöchter im Nachhinein als nicht sanierungsfähig herausstellen«. Kürzlich war eine Aurelius-Tochter, der Herrenausstatter Pohland, selbst von der Insolvenz betroffen.

Auf manche Branchen sieht Kebekus schwere Zeiten zukommen, bei denen es dem Verwalter trotz externer M&A-Unterstützung nicht gelingen werde, einen Käufer zu finden. Im Einzelhandel werde man in den nächsten anderthalb Jahren noch einige Insolvenzen beklagen, die in der Liquidation enden. Bei Wehmeyer habe er »Gott sei Dank« noch einen Käufer gefunden.

Dass Verwalter den Radius bei der Suche nach potenziellen Interessenten erweitern und diese auch auf anderen Kontinenten suchen, kann man fast jeden Tag der Wirtschaftspresse entnehmen. Ein russischer Staatsfonds könnte das Qimonda-Werk in Dresden übernehmen. Insolvenzverwalter Dr. Michael Jaffé soll zuvor bereits mit strategischen Interessenten aus Hongkong und Taiwan gesprochen haben, darunter der Halbleiterhersteller CSMC, Tochter des chinesischen staatlichen Mischkonzerns China Resources. Auch der vom taiwanesischen Staat unterstützte Chipproduzent Taiwan Memory Corporation (TMC) bekundete Interesse. Strategische Investoren suchen derzeit auch in der Autobranche nach Übernahmekandidaten. Opel ist attraktiv für den italienischen Fiat-Konzern und den kanadisch-österreichischen Zulieferer Magna. Für Teilehersteller Edscha soll es zahlreiche Anfragen aus dem In- und Ausland geben, darunter auch strategische Käufer, die Unternehmensteile übernehmen wollen. Visiocorp – vormals Schefenacker – steht im Fokus des indischen Zulieferers Motherson Sumi Systems. Aber auch Finanzinvestoren können noch Kauflaune haben, wie der Einstieg der staatlichen Investmentgesellschaft International Petroleum Investment Company (IPIC) aus Abu Dhabi zeigt. Der Golfstaat stieg indirekt mit rund zwei Milliarden Euro bei Daimler ein. Vergeblich hatte dagegen die Karman-Eignerfamilie mit arabischen, chinesischen und indischen Investoren verhandelt. Jetzt setzt Insolvenzverwalter Ottmar Hermann die Investorensuche fort.

Unter der Voraussetzung, dass der Verwalter es masseschonend arrangiert, beispielsweise über einen Erfolgs-Zuschlag, sei es völlig legitim, externe M&A-Berater ins Boot zu holen, sagt Kebekus. Er würde sogar sagen, es sei fahrlässig, nutzte man als Verwalter diese Unterstützung mit weltweiter Vernetzung und Branchenexpertise nicht. «

Viel mehr Mühe, Käufer zu finden

Frankfurt. Dass es mit Beginn der Krise für Insolvenzverwalter schwieriger geworden ist, Käufer für Unternehmen aus der Krise zu finden, bestätigt Dr. Adam Bolek, Managing Director der Rothschild GmbH. Internationale strategische Erwerbsinteressenten sind in laufenden Verkäufen aus Insolvenzsituationen, die Rothschild derzeit berät, in der Überzahl.

INDat-Report: Wie sehen Sie derzeit die Chancen für Insolvenzverwalter, einen Käufer und Investor zu finden?

Dr. Bolek: Es ist seit Beginn der Wirtschaftskrise für Insolvenzverwalter sehr viel schwieriger geworden, Käufer für Unternehmen aus der Insolvenz zu finden. Es gibt aber nach wie vor Interessenten für sinnvoll in der Insolvenz restrukturierte Unternehmen, die eine Existenzberechtigung haben. Die potenziellen Käufer müssen jedoch mit sehr viel mehr Mühe gesucht und davon überzeugt werden, sich ein Unternehmen in der Insolvenz anzusehen. Es melden sich heutzutage sehr viel weniger Interessenten auf eigene Initiative beim Verwalter, denn im Moment sind viele potenzielle strategische Erwerber – also Wettbewerber, Kunden, Lieferanten oder Industrielle – mit sich selbst beschäftigt.

INDat-Report: Welche Potenziale bietet derzeit noch die PE-Branche für Unternehmen in der Krise?

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