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Titelthema | Peter Reuter | INDat Report 07_2007

»Faule Kredite«: Neuer Faktor im Insolvenzverfahren

Köln. Die Abläufe auf den internationalen Finanzmärkten berühren das deutsche Insolvenzgeschehen immer öfter. Der Verkauf »fauler Kredite« von Banken an meist ausländische Investoren vor und während der Insolvenz konfrontieren die Insolvenzverwalter mit neuen Akteuren auf der Gläubigerseite und veränderten Abläufen. Inzwischen dreht sich dieser Handel auch um Unternehmenskredite, Engagements im insolvenznahen Bereich und kleine Einzelkredite statt großer Portfolios.

Die Bücher deutscher Banken und Sparkassen sind voll – mit notleidenden Krediten. Im weltweiten Vergleich der Bestände von Non Performing Loans (NPL) nimmt Deutschland den Spitzenplatz ein. Zu diesem Resultat kommt die Studie »Distressed Debt Investment and Exit Strategies: Trends in the German Market«, die die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und die Frankfurt School of Finance & Management erstellt haben. Sie errechneten im Mai 2007 ein Gesamtvolumen von NPL in Deutschland von 150,3 Milliarden Euro. Der deutsche NPL-Markt gilt daher für ausländische Investoren wie Hedge Fonds und PE-Unternehmen als besonders attraktiv. Wie viele Prozent sie vom Nominalwert der gehandelten Kredite zahlen, bleibt in der Regel ein Geheimnis. Nicht zuletzt betrachtet man auch einen konjunkturellen Aufschwung wie derzeit in Deutschland mit vielen kreditfinanzierten Investitionen im Fall eines Wirtschaftsumschwungs als Hort von Kreditrisiken. Das deutsche NPL-Transaktionsvolumen soll in 2005 bei 20 Milliarden Euro gelegen haben. Es sei zwar in 2006 leicht gefallen, werde sich aber dieses Jahr wieder stabilisieren. 92 Prozent der für die Studie befragten Käufer gaben an, im Jahr 2006 auf dem deutschen NPL-Markt investiert zu haben. Ebenfalls 92 Prozent wollen das in 2007 wieder tun. Im Vereinigten Königreich (81/75 Prozent) und Italien (69/63 Prozent) nahm das Interesse der Investoren dagegen ab.

»Nur vier Jahre nach den ersten Transaktionen hat sich der Handel mit Portfolios notleidender Kredite in Deutschland etabliert«, lautet es im Deutsche Bank Research »Notleidende Kredite – eine etablierte Assetklasse«. Dieses noch relativ junge Geschäft – in den USA wird es seit 1986 praktiziert – ist hierzulande schon eingespielt. Die Gründe für die verkaufenden Banken liegen auf der Hand, sagt Dr. Marco Wiedenhofer, Senior Manager im Bereich Transaction Services bei KPMG. »Wegen der verschärften Anforderungen an Kreditportfolios aus Basel II stehen Banken vermehrt unter dem Druck, sich von notleidenden Krediten zu trennen, um die vorgegebene Eigenkapitalbasis zu stärken.«

Seit der seit Januar 2007 geltenden Eigenkapitalvorgaben ist es daher ein für Banken übliches Instrument des Bilanz- und Risikomanagements, das auch für Sparkassen und Genossenschaftsbanken zunehmend attraktiver werden soll. Weitere Argumente für die Verkäufer seien der gewonnene Liquiditätszufluss, ein verbessertes Rating und die effektivere Nutzung des vorhandenen Personals für Sanierung und Abwicklung.

Die Schnittmenge wächst

Drei Entwicklungen lassen sich auf dem deutschen NPL-Markt ausmachen, die dafür sprechen, dass Insolvenzverwalter in Zukunft vermehrt mit den Auswirkungen und Akteuren dieser Käufe in Berührung kommen. Nicht nur schwächelnde Immobilienkredite, sondern auch Unternehmenskredite stehen im Fokus, bestätigt Prof. Dr. Christoph Schalast (Schalast & Partner RAe) von der Frankfurt School of Finance & Management. »Eine verstärkte Tendenz der Veräußerung von Unternehmenskrediten ist seit dem Jahr 2006 zu beobachten.« Allerdings werde diese Entwicklung eher unter der Assetklasse Distressed Debt Investing und nicht als NPL gefasst, weil nicht die Verwertung von Sicherheiten, sondern der Turn Around des Unternehmens angestrebt werde. Auch Marco Wiedenhofer beobachtet ein verstärktes Interesse an notleidenden Unternehmenskrediten, wohingegen früher fast nur Immobilienkredite lukrativ erschienen. Aber nicht nur notleidende Kredite großer Unternehmen, sondern auch die des Mittelstandes werden weitergereicht. Die Schnittmenge mit dem Insolvenzgeschehen ist durch diese Entwicklung größer geworden.

Außerdem verstärkt sich der Trend, dass die Käufer nicht mehr zeit- und arbeitsaufwändige große Portfoliopakete schnüren, sondern auch kleine und flexible Einzelkredite (Single Names) nehmen. »Die Kaufinteressenten schauen sich heute auch kleinere Engagements an. Auch ein Kredit mit Nominalwert unter zehn Millionen Euro ist verkaufbar«, sagt Christoph Schalast. »Dabei hilft die Standardisierung von NPL-Transaktionen und die damit verbundene Kostensenkung.« Brancheneinschätzungen zufolge sollen nach den Banken auch Sparkassen in den Genuss dieser Verkäufe kommen. Von der dieses Jahr gegründeten Sparkassenplattform SGK – ein Zusammenschluss von WestLB, NordLB und der japanischen Shinsei-Bank – erwarte man Impulse, sagt Schalast. Obwohl der BGH im Februar 2007 (XI ZR 195/05 = ZIP 2007, 619) erklärt hat, dass die Abtretung notleidender, gekündigter Darlehensforderungen mit dem Bankgeheimnis vereinbar ist, »erfolgte darauf eine heftige Diskussion, ob dies auch für Sparkassen und Landesbanken gilt«. In einem Verfahren des einstweiligen Rechtsschutzes habe das LG Kiel nun festgestellt, dass auch Sparkassen dazu befugt seien. »Insoweit gehe ich davon aus, dass auch Sparkassen und Landesbanken verstärkt den Verkauf von notleidenden Krediten zur Refinanzierung nutzen werden.« Allerdings sei er sich sicher, dass sie damit weniger in die Öffentlichkeit treten werden als Privatbanken. Hemmnis könnte sein, dass engere Kundenbeziehungen nachhaltig gestört werden, wenn plötzlich Post mit Londoner Absender eintrifft.

Mit dem neuen Faktor Non Performing Loans im Insolvenzgeschehen hat sich als einer der ersten Dr. Christoph Niering in seinem Vortrag »Neue Zeiten für Insolvenzverwalter und Gläubiger« am 5.9.2007 im Arbeitskreis für Insolvenzwesen Köln e.V. beschäftigt. »Vielen war und ist gar nicht bewusst, dass sich dadurch neue Situationen ergeben«, sagt deren Vorsitzender RiAG Prof. Dr. Heinz Vallender über die Brisanz und Aktualität des Themas. Zugespitzt formuliert es Insolvenzverwalter Niering so: »Anders als Banken und Kreditinstitute haben die Investoren ausschließlich Interesse an der bestmöglichen Verwertung ihrer Kreditforderungen. Der Erhalt von Arbeitsplätzen, des Unternehmens im Ganzen oder von Zulieferbetrieben des insolventen Unternehmens stellt dabei nur eine hingenommene Begleiterscheinung dar, ist aber nie Ziel der Sanierungsbemühungen.« Im Insolvenzverfahren zeigten sie sich oft als »graue Eminenz« – unbeteiligt an Gläubigerversammlung sowie Gläubigerausschuss.

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