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Titelthema | INDat Report 04_2017 | Juni 2017

Berufsstand und Markt der Insolvenzverwalter im Umbruch

Köln. Ein bislang nie dagewesener Wandel des Verwaltermarkts und des Berufsstands der Insolvenzverwalter ist im Gange. Die Gründe dafür sind vielschichtig, auch die strategischen Reaktionen fallen unterschiedlich aus, wie 15 Verwalter aller Kanzleigrößen berichten. Die These, dass großen Einheiten per se die Zukunft gehört, muss relativiert werden. Auch kleinere Büros können sich lukrative Verfahren und Mandate angeln. Verblüffend: Das Ranking der meisten Verfahren je Verwalter bzw. der »umsatzstärksten« Verfahren je Verwalter führen die kleineren Verwalterkanzleien an – die großen können dabei nicht mithalten.

Die Insolvenzverwalter müssen sich neu erfinden. Die Zeiten erfordern es. So in etwa hört sich die Stimmung derzeit unter den Verwaltern an, die umfangreichen Veränderungen gegenüberstehen. Inzwischen sind – nicht zuletzt mit der Einführung des ESUG – flexible und teamfähige Sanierungsdienstleister für alle Krisenlagen gefragt. Aber auf diesem Feld konkurrieren Insolvenzverwalter mit u. a. Unternehmensberatern, anwaltlichen Beratern und Interim Managern vor allem in der Eigenverwaltung. Professionelle Gläubiger und deren Berater haben Gerichte als Akquiseadressat für große Insolvenzverfahren abgelöst. Kleine Verwalterbüros verschwinden schnell unter deren Radar, falls sie nicht mit Alleinstellungsmerkmalen und Qualität bzw. mit in den Augen der neuen »Auftraggeber« guter Performance auf sich aufmerksam machen können. Und als wäre die Suche nach anderen Wegen nicht schon dringlich genug, wirkt die derzeitige allgemein gute Wirtschaftslage wie ein Brandbeschleuniger. Wer jetzt nicht zu neuen Ufern aufbricht, dem könnte bald der Boden unter den Füßen zu heiß werden.
Die Gründe, die zur aktuellen Lage geführt haben, sind vielschichtig: Seit Jahren sinkt die Anzahl der Insolvenzverfahren stark. Gab es im Jahr 2013 laut WBDat Wirtschafts- und Branchendaten GmbH 10.193 eröffnete Insolvenzverfahren über Personen- und Kapitalgesellschaften, sank die Zahl auf 9364 (Jahr 2014), 8939 (Jahr 2015) und im vergangenen Jahr auf 8435. Auf der anderen Seite stehen sehr viele Insolvenzverwalter: Insgesamt gab es im Jahr 2016 für die Personen- und Kapitalgesellschaften 1988 bestellte Insolvenzverwalter, die sich diesen »Kuchen« teilen mussten. Die freien Massen und die damit einhergehenden Vergütungen der Insolvenzverfahren sind ebenfalls rückläufig. Dazu kommen die restriktive Vergütungsrecht­sprechung des BGH und die Tatsache, dass seit Inkrafttreten der InsO und der InsVV 1999 die Vergütungen nicht dem gestiegenen Preis- und Lohnniveau angepasst wurden, obwohl die Anforderungen bei der Insolvenzabwicklung stetig höher geworden sind.
Zumindest im anhaltenden Wirtschaftswachstum und in der Niedrigzinspolitik sieht RA Prof. Dr. Lucas Flöther (Flöther  &  
Wissing), der auch Sprecher des Gravenbrucher Kreises ist, allerdings die »Ursache, die langfristig gesehen am wenigsten nachwirken wird«. Nach dem ESUG werde das bevorstehende vorinsolvenzliche Sanierungsverfahren die »Kulturveränderung« bei den Berufsträgern und ihren Kanzleiorganisationen weiter beschleunigen. »Am Ende der Entwicklung werden wir eine stark veränderte Branche feststellen. Verwaltern eröffnen sich als Sanierungsdienstleister völlig neue Perspektiven, sie müssen sich aber auch in einem veränderten Wettbewerb behaupten. Dabei sind neben den ohnehin erforderlichen juristischen und betriebswirtschaftlichen Fähigkeiten vor allem auch mediatives und kommunikatives Geschick und Fingerspitzengefühl gefragt. Der Verwalter hat als ›neutrale Instanz‹ für den Ausgleich der verschiedensten Interessen zu sorgen.«

Konzentration bei Verwaltern
wie bei WP-Gesellschaften?

Auch der Leiter des Restrukturierungsteams von Ernst & Young in Deutschland, WP Bernd Richter, stellt gestiegene Erwartungen der Gerichte und beteiligten Gläubiger in Bezug auf die Leistungsfähigkeit und Professionalität der Insolvenzverwalterkanzleien fest. Der höhere Wettbewerbsdruck zwinge dazu, »über notwendige Anpassungen aktiv nachzudenken. Insoweit erwarte ich für die nächsten Jahre eine weitere Verdichtung der Insolvenz­verwalterkanzleien die – in einem Zielbild – mit der heutigen Konzentration bei den Anwalts- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften vergleichbar ist.«
KPMG-Restrukturierungspartner Dipl.-Kfm. André Bäcker bestätigt aus seiner Sicht diese Faktoren: die grundlegende Veränderung in der Vergabesystematik durch das ESUG, eine damit einhergehende Stärkung der Gläubigerrechte bei der Bestellung und die Professionalisierung u. a. bei der Vorbereitung von gerade größeren Insolvenzverfahren. »In der Regel geht dem Antrag eine intensive Beratung und Begleitung voraus. Dies führt in Verbindung mit dem ESUG einerseits zur Zunahme von 270 a/b-InsO-Verfahren, andererseits zur regelmäßigen Vorstrukturierung solcher Verfahren mit entsprechender Vorauswahl.«
Der sich seit einiger Zeit ganz erheblich verändernde Markt für Insolvenzverwalter betreffe die »traditionellen Verwalterfirmen besonders«, stellt RA/StB Berthold Brinkmann, Seniorpartner von Brinkmann & Partner, fest. Die Kanzlei zählt mit 29 Standorten und etwa 300 Mitarbeitern zu den Top  10 der mit Verfahren über Personen- und Kapitalgesellschaften meist bestellten Verwalterkanzleien. Einer der Gründe: Die Marktzugänge für traditionelle Verwalter litten darunter, dass Gläubiger und deren Berater immer stärkeren Einfluss auf die Verteilung der Verfahren ausübten. Zugänge zu den Beratern lassen sich nicht auf die Schnelle erschließen, eine lang praktizierte strenge Trennung von Verwaltung und Beratung kann nun zum Nachteil gereichen.
»Durch die Entscheidung des BVerfG, die die Verwaltung faktisch zum Berufsstand erklärt hat, hat die Zahl der Verwalter inflationär zugenommen«, erklärt RA Michael Pluta, Geschäftsführer der PLUTA Rechtsanwalts GmbH, die ebenfalls zu den Top  10 der Verwalterkanzleien zählt und mit etwa 400 Mitarbeitern in 41 Büros in Deutschland präsent ist. Pluta beschreibt die Situation mit einem drastischen Bild: »Es halten zu viele ihre Angeln in einen fast leer gefischten Teich. Der reine Verwalter bekommt dadurch weniger bedeutende oder nur kleinere Verfahren oder er hat als Sachwalter ein geringeres ›geschrumpftes‹ Betätigungsfeld, mit dem er die bisher aufgebauten Ressourcen nicht mehr finanzieren kann. Die Folge ist, dass kaum jemand von der Insolvenzverwaltung alleine existieren kann. Damit ist die Grundlage der BVerfG-Entscheidung entfallen und der Berufsstand als solcher infrage gestellt.«
Durch die zu erwartende EU-Richtlinie zum präventiven Restrukturierungsrahmen geht Pluta von einer zusätzlichen Verstärkung des Trends aus, denn das Instrumentarium soll eine Sanierung noch vor der bisherigen Eigenverwaltung des ESUG ermöglichen. »Besonders interessant und gefährlich für den bisherigen Berufsstand der Verwalter ist die im Richtlinienentwurf geäußerte Begründung, Verfahren mit Gerichten und Verwaltern müssten vermieden werden, weil sie zu lange dauerten, zu umständlich und zu teuer seien und für die Gläubiger zu wenig herauskäme.«
Mit einem solchen Impuls durch die Brüsseler Richtlinie rechnet auch RA Dr. Georg Bernsau von BBL Bernsau Brockdorff, auch unter den Top 10 vertreten und mir circa 200 Mitarbeitern an 40 Standorten tätig. »Es steht zu erwarten, dass der Markt diese neue und an sich begrüßenswerte Erweiterung der Restrukturierungswerkzeuge, wo immer es geht, nutzen wird zulasten des regulären Sanierungs- und Insolvenzmarkts. Wer nicht auf der gesamten Klaviatur spielen kann, wird noch mehr ins Hintertreffen geraten.«

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