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Titelthema | Peter Reuter | INDat Report 04_2007

Mit Brief und Siegel – Kommt die Zertifizierung?

Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wurde – anzunehmen ist, dass diese Weisheit auch für die hitzige Debatte um Zertifizierungen zutrifft. Das Thema brodelt, weil es gleichzeitig empfindliche Bereiche wie Listenführung, Verwalterbestellung, Qualitäts- und Auswahlkriterien berührt. Derzeit spricht man über zwei Zertifizierungsmodelle – weitere sollen in Vorbereitung sein – wobei sich die auf ein bewährtes Qualitätsmanagementsystem fußende Variante in der Praxis und Fachwelt immer mehr durchzusetzen scheint.

Qualität hat bekanntlich ihren Preis. Und der Nachweis einer solchen in Form einer Zertifizierung kann auch einiges kosten. Obwohl nicht gänzlich neu, haben Zertifizierung und Qualitätsmanagementsystem (QMS) für Insolvenzverwalter und deren Kanzleien zurzeit Hochkonjunktur. Weil gravierende Marktveränderungen geschehen, die sich im stetigen Rückgang der Unternehmensinsolvenzen und deren Massen, in einem Verdrängungswettbewerb unter Verwalterkanzleien sowie in einer Flut eingehender Verwalterbewerbungen bei noch so kleinen Insolvenzgerichten und in einem daraus folgenden Overlisting ausdrücken, rückt die Qualität der Verwalterleistung und deren Nachweis immer mehr in den Vordergrund. Diskutiert wird über eine bedarfsgerechte Begrenzung der Vorauswahllisten, eine verfassungskonforme Regelung zum Overlisting und was eine »Bestenauslese« im Sinne des § 56 InsO bedeuten kann.

Der Ruf nach einem weiteren objektiven Auswahlkriterium für die Aufnahme in die Vorauswahlliste bzw. die Verwalterbestellung wird daher immer lauter. Gleichzeitig erscheint eine Optimierung der Arbeitsabläufe in der Kanzlei durch ein QMS vielen bei der angespannten Marktsituation, die einen Selektionsprozess unter den Verwalterkanzleien nach sich ziehen wird, als angebracht.

»Mit der Zertifizierung werden weitere Ansprüche an die Verwalter gesetzt, die letztlich in den Kanzleien Arbeitszeit und Geld kosten«, sagt der Sprecher des Gravenbrucher Kreises, RA Dr. Frank Kebekus. »Nach meiner Einschätzung sollte deshalb dann gleichzeitig geregelt werden, welche Konsequenzen eine Zertifizierung für Verwalter und Gerichte hat. Es scheint mir in diesem Zusammenhang nicht schlüssig zu sein, dass auf die Verwalterkanzleien ein zumindest faktischer Druck zur Zertifizierung ausgeübt wird und gleichzeitig völlig unklar ist, ob eine Zertifizierung bei der Bestellentscheidung der Gerichte auch tatsächlich Berücksichtigung findet oder dies, ähnlich wie bei dem Fachanwalt für Insolvenzrecht, in das völlig freie Belieben der Gerichte gestellt wird.«

Viel Bewegung in Sachen Zertifizierung

Auch wenn diese Frage vorerst ungeklärt bleibt – zudem spricht man bei der Zertifizierung von einem möglichen Auswahlkriterium unter vielen im freien Ermessen der Richter – gehen inzwischen viele der am Insolvenzgeschehen Beteiligten davon aus, dass es zu einer Zertifizierung kommt. Dafür rüstet man sich. Nicht nur Hochschullehrer, sondern auch viele Insolvenzverwalter und Gerichte sowie Unternehmensberater und ehemalige Insolvenzrichter beschäftigen sich damit. »Der VID steht einer insolvenzverwalterspezifischen Zertifizierung keineswegs grundsätzlich ablehnend gegenüber«, erklärt der VID-Vorsitzende Dr. Siegfried Beck. Eine jüngst gebildete Arbeitsgruppe aus Vorstand und Beirat werde sich die derzeit bereits angebotenen Zertifizierungsverfahren genau ansehen und Erfahrungsberichte einholen. »Ziel ist die Erarbeitung von Empfehlungen für Verbandsmitglieder, die über eine Zertifizierung nachdenken. Sollten wir allerdings zu der Auffassung gelangen, dass keines der Angebote die spezifischen Anforderungen einer Insolvenzverwalterkanzlei erfüllt, müssen wir wohl oder übel selbst tätig sein oder uns mit einem Partner zusammentun.«

Auch die Bielefelder Beschlüsse der BAKinso vom 6.3.2007, ein am Vortag gebildeter Zusammenschluss von Insolvenzrichtern und -rechtspflegern, begrüßt »eine die Vorauswahl der Gerichte erleichternde und unterstützende leistungsbezogene Zertifizierung von Insolvenzverwaltern durch unabhängige, interessenungebundene Dritte«. Dass Zertifizierung zunehmend ein Thema ist, registriert auch die STP Consulting GmbH, jüngst gegründete Tochter der STP AG, die Insolvenzkanzleien über QMS und Zertifizierungen berät, sie darauf vorbereitet sowie bei deren Durchführung begleitet und dabei auf Neutralität und Unabhängigkeit setzt.

Zertifizierung für Verwalter gibt es schon seit einigen Jahren. Mit einem QMS und einer damit verbundenen Zertifizierung beschäftigen sich bereits einige Verwalterbüros wie die Klaas & Kollegen Rechtsanwälte Rechtsanwalts GmbH, Rhode & Partner und Depré Rechtsanwälte. Sie haben eine ISO 9001:2000-Zertifizierung, die neben ihnen nahezu eine Million Unternehmen und Organisationen weltweit tragen. RA Wilhelm Klaas hält seit 2001 Seminare zu QMS ab und ist überzeugt: »Es besteht meines Erachtens überhaupt kein Zweifel, dass sich neutrale Überprüfungen, also Zertifizierungen, durchsetzen werden.« Er stellt sich vor, dass »die Berufsgrundsätze des VID, des einzigen Interessenverbandes der Insolvenzverwalterschaft in Deutschland, auf sehr hohem Niveau als Vorgabe für die Qualitätsprüfung der Verwalterleistung dienen können«.

ISO 9001:2000 ist international anerkannt

Führend unter den akkreditierten Zertifizierungsstellen – die auch die genannten Verwalterkanzleien zertifiziert hat – ist die 1985 gegründete Deutsche Gesellschaft zur Zertifizierung von Managementsystemen mbH (DQS), die sich zur Aufgabe gemacht hat, die Qualitätsfähigkeit von Unternehmen neutral und unabhängig zu begutachten und in diesem Sinne deren Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. »Diese ISO 9001:2000-Zertifizierung ist seit 1990 international anerkannt, auch im Bereich der Dienstleistung«, sagt Dipl. Wirtschaftsingenieur Helmut Stais, Vertriebsleiter der DQS GmbH. »Ein zertifiziertes QMS stellt sicher, dass die Arbeitsabläufe der Insolvenzkanzlei nachhaltig und fortlaufend optimiert werden. Das System wird durch interne Audits von Qualitätsmanagementbeauftragten (QMB) überwacht. Sie prüfen dabei in regelmäßigen Abständen, ob das System von den Mitarbeitern genutzt wird und welche Probleme sich in der Arbeit mit dem QMS ergeben. Des Weiteren werden Verbesserungsvorschläge durch den QMB zeitnah umgesetzt. Im Rahmen des kontinuierlichen Verbesserungsprozesses werden die einzelnen Bestandteile jeweils aktualisiert und an neue Gegebenheiten angepasst. Dadurch wird sichergestellt, dass das System nachhaltig gepflegt und damit auch dauerhaft als Steuerungsinstrument in der Kanzlei genutzt werden kann.«

Ferner wird das QMS jährlich in sogenannten Überwachungsaudits durch eine akkreditierte Zertifizierungsgesellschaft kontrolliert. Die Gesellschaft prüft dabei, ob das QMS einerseits nach wie vor den Anforderungen der DIN EN ISO 9001:2000 entspricht und andererseits, ob es in der Kanzlei gelebt und gepflegt wird. Nur wenn beide Voraussetzungen erfüllt werden, darf die Kanzlei das Zertifikat weiterführen. »Die Nachhaltigkeit des Systems ist also auch dadurch sichergestellt«, sagt Stais. QMS nach ISO 9001 seien auf alle Dienstleistungsunternehmen anwendbar. »Die allgemein formulierten Forderungen werden für Insolvenzkanzleien interpretiert und in ihrer spezifischen Form angewendet.«

Insolvenzverwalter Michael Rhode hebt die Vorzüge seines im Juli 2006 umgesetzten QMS samt Zertifizierung für seine Kanzlei hervor (ZInsO 2006, 1247) und erläutert die Funktion des Qualitätshandbuchs, das die einzelnen Prozesse transparent darlegt und detaillierte Arbeitshilfen mit Checklisten und Dokumentenvorlagen enthält. »Ein nach den Normen der ISO 9001 zertifiziertes QMS wirkt sich umgehend auf die Qualität der Insolvenzverwaltung aus. Es ist grundlegend auf die Anforderungen an die Leistung abgestellt und zielt einzig auf die Qualitätsverbesserung.« Auch RA Peter Depré beschreibt seine Erfahrungen mit dem QMS als »durchweg positiv«. Seine Kanzlei hat seit 2003 die ISO 9001:2000-Zertifizierung. »Gerade innerhalb der Abwicklung von Insolvenzverfahren bietet sich diese Zertifizierung an, um diszipliniert die eigenen Abläufe zu hinterfragen, zu verbessern und Vereinheitlichungen zu schaffen.« Dieses System richte die Aufmerksamkeit des Insolvenzverwalters auf die Zukunft, auf den sich verändernden Markt und neue Anforderungen aller Verfahrensbeteiligten, sagt Stephan Kurz, Geschäftsführer der STP Consulting GmbH. »Hier wird die Flexibilität des Systems als seine wirkliche Stärke empfunden.«

Ratingsystem steht in der Kritik

Das Interesse der augenblicklichen Diskussion richtet sich auch auf ein weiteres, im vergangenen Jahr aus der Taufe gehobenes Zertifizierungssystem, das ob seiner Praxistauglichkeit und wissenschaftlichen Seriosität in der Kritik steht.

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