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Titelthema | Sascha Woltersdorf | INDat Report 08_2009

Schiefes Bild?

Der Verwalter im Fokus der Öffentlichkeit

Köln. Insolvenzverwalter stehen derzeit in teils harter Kritik der Öffentlichkeit, die rund um die Arcandor-Insolvenz entbrannt ist. Vor der Krise galten Insolvenzverwalter eher als Sanierer und Retter. Die Berichterstattung in der Wirtschaftspresse war überwiegend positiv. Nun hat sich das Blatt gewendet. Aber ist das gerechtfertigt? Oder hängt nur das Bild, das in den vergangenen Wochen und Monaten entstanden ist, ein bisschen schief?

Nicht lang ist es her, da zogen die »Sanierer«, mehr noch, die »Retter« durch unternehmerische Krisengebiete. Sie waren der »Notarzt für todkranke Unternehmen«, wie der Berliner »Tagesspiegel« im Fall der insolventen PIN Group notierte. Hier leisteten die Insolvenzverwalter, fand die Tageszeitung, »Hilfe auf dem Postweg«. Im Frühjahr sah das »Handelsblatt« erstaunt zu, wie »der freche Herr Pluta« Märklin rettete. Die »Wirtschaftswoche« erhob die Kanzleien Piepenburg Gerling Rechtsanwälte sowie Amend Rechtsanwälte gar zu »heimlichen Sanierern«. Der gesamten Branche gestand das Magazin zu, »harte Hunde« zu sein – und das war durchaus respektvoll und anerkennend gemeint. Die Insolvenzverwalter waren als publizistisches Thema entdeckt worden. Anlass für die »Wirtschaftswoche«, einen dreiteiligen Report zu drucken, in dem von »Heldentaten und Ellbogeneinsätzen«, aber auch von »der Großmannssucht einer selbstbewussten Kaste« die Rede war.

Inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Die Insolvenzverwalter – sowohl ihre Arbeit, als auch die Verwalter als Personen – stehen vermehrt in der öffentlichen Kritik. Eine Nachlese der Wirtschaftsschlagzeilen der vergangenen Monate zeigt das neue Bild. Die Financial Times Deutschland (28.10.2009) sah beim Handelskonzern Quelle eine »kontrollfreie Todeszone«, und »Focus« fragte mit Blick auf den Verwalter, »wie viel Gehalt ist unmoralisch?« Noch harscher urteilte das »Manager Magazin« (9.11.2009) über die »Zunft«. »Wenn die Verwalter von Gerichts wegen zum Verwalter einer Pleitefirma bestellt werden, können sie schalten und walten wie mittelalterliche Fürsten«, so der Wortlaut des »Aus Staub wird Gold« betitelten Artikels. Angegangen wird namentlich RA Dr. Klaus Hubert Görg als Arcandor-Insolvenzverwalter. Er sei seit Kirch und Holzmann »in diesem Gewerbe eine echte Größe«. Nun mache er »noch einmal reichlich Gebrauch von seiner Allgewalt« und könne dafür »am Ende einen ordentlichen zweistelligen Millionenbetrag davontragen«. Andere Schlagzeilen vom selben Tag stehen dazu in deutlichem Kontrast: »Insolvenzverwalter stabilisiert Karstadt« und »Hoffnung für Karstadt-Mitarbeiter«, meldete das »Handelsblatt«.



Vom Sanierer zum Abkassierer

Was für ein Wandel: Galt die Pleite jahrzehntelang als leicht anrüchig und der Konkurs- bzw. spätere Insolvenzverwalter als eine Art Bestatter, stiegen innerhalb der vergangenen ein bis zwei Jahre viele Insolvenzverwalter erst zu gefeierten Firmen- und Jobrettern auf, um dann in kurzer Zeit vom Sanierer zum Abkassierer, mitunter gar zum Versager abgestempelt zu werden. Ist dies gerechtfertigt? Oder nur ein schiefes Bild in der Öffentlichkeit?

Rückblende, Herbst 2008: Durch Finanzkrise und die folgende Wirtschaftskrise mit einer stark steigenden Zahl von Firmenpleiten wird das Thema Insolvenz immer öfter von den Medien aufgegriffen. Viele Journalisten setzen sich häufiger und detaillierter mit Unternehmensinsolvenzen auseinander. Anfangs beschränkt sich dies überwiegend darauf, die Arbeit von Insolvenzverwaltern allgemein darzustellen. Mittlerweile seien die Medien jedoch »zunehmend kritisch, teilweise auch überzogen kritisch, zum Beispiel in der Berichterstattung über das Quelle-Insolvenzverfahren und Insolvenzverwalter Görg«, sagt RA Dr. Ferdinand Kießner (Schultze & Braun). Auch Medienvertreter wie Wolfram Schrag knüpfen die Meinungswende vor allem an die größte deutsche Insolvenz. »Selten gab es in der Wirtschaftspresse eine dermaßen kritische Berichterstattung. Sätze wie, der Insolvenzverwalter mache aus Staub Gold, um wenigstens die eigene Vergütung zu sichern, sind neu«, sagt der Hörfunkjournalist des Bayerischen Rundfunks. Seine Erklärung: Da die Zahl der Insolvenzen generell drastisch zugenommen habe, kämen naturgemäß häufiger fehlerhafte oder fragwürdige Methoden der Verwalter an die Öffentlichkeit. »Es ist eben auch die Zeit der Plattmacher.«

Der Verband lnsolvenzverwalter Deutschlands (VID) hat ebenfalls im Rahmen der Krise nicht nur die »deutliche Zunahme« der öffentlichen Berichterstattung über Insolvenzen und Insolvenzverwalter registriert, sondern auch einen schärferen Ton, sagt Verbandsvorsitzender RA Dr. Siegfried Beck. »Angesichts der Dimensionen einzelner Verfahren musste man damit rechnen, dass dabei auch kritische Bemerkungen veröffentlicht werden. Zudem entspricht es dem üblichen Zyklus der Berichterstattung, dass eine viel beachtete Gruppe erst hoch gelobt und dann nach einer Zeit übermäßig kritisiert wird.«

Interesse an Insolvenzkenntnissen gestiegen

Grundsätzlich scheint die Mehrzahl der Verwalter der neuen großen Aufmerksamkeit positiv gegenüber zu stehen, immerhin erhöht dies die Kenntnisse der Öffentlichkeit über die eigene Arbeit. Es sei zu beobachten, sagt Kießner, »dass sowohl von Seiten der Betroffenen als auch von den Journalisten mehr Nachfragen kommen, die teilweise auch sehr detailliert sind. Man hat den Eindruck, dass die Kenntnisse rund um das Thema Insolvenz und Insolvenzverfahren gestiegen sind.« Ein Eindruck, den der VID bestätigt. »Insgesamt erfahre ich in vielen Hintergrundgesprächen mit Pressevertretern, dass man dort den Insolvenzverwaltern und ihrer schwierigen Aufgabe durchaus gerecht werden will.« Kritikern gelinge es aber in einer solchen Situation leichter, mit zugespitzten Äußerungen zu Gehör zu kommen. »In einigen Fällen ist diese Kritik von eigenen Interessen getrieben. Dagegen wird sich der VID in Zukunft stärker zur Wehr setzen und solche Eigeninteressen aufdecken.« Aber wie reagiert man darauf am besten? Mit sachlichen Argumenten, rät Beck. »In vielen Fällen wird kritisiert, ohne die wahren Hintergründe zu kennen. Da ist Aufklärung gefordert.« Das koste zwar Zeit und Aufwand, sei aber in einer Mediendemokratie unverzichtbar. »Wo Kritik allerdings gezielt den Eindruck eines persönlichen Angriffs vermittelt, sollte man schon selbst aktiv werden. Der Verband hat sich erst kürzlich in einem solchen Fall unterstützend eingeschaltet und wird dies auch in Zukunft tun.«

Der VID selbst wurde in diesem Jahr »Opfer« zweier fragwürdiger Berichte des Fernsehmagazins Report München (ARD). Mehrere in einem früheren TV-Beitrag gesendete Interviewzitate Dr. Becks wurden ungefragt in einen neuen Beitrag übernommen und dabei in einen anderen Kontext gestellt. Zudem wurden mehrere aufgebrachte Schuldner und Gläubiger als Kronzeugen herangezogen, die aus ihrer ganz persönlichen Sicht über die Arbeit von drei Insolvenzverwaltern urteilen sollten. Das Ergebnis überrascht nicht, allen Verwaltern wurde ein miserables Zeugnis ausgestellt. Einzelberichte über einzelne Verfahren und die Qualität einzelner Verwalter müsse man gesondert betrachten, rät RA Jan Wilhelm (hww wienberg wilhelm). »Damit müssen diese Verwalter leben. Gegen journalistische Unfähigkeit, die dann teilweise in Gehässigkeit mündet, kann man sich einfach nicht wehren.« Für Prof. Dr. Hans Haarmeyer, ein von den Medien durchaus gesuchter Gesprächspartner, überwiegt derzeit »ganz eindeutig das Interesse an den bad news«. »Ich hatte neulich ein Interview mit dem Bayerischen Fernsehen, das nicht gesendet worden ist, weil ich wohl die Erwartungshaltung negativer Äußerungen über Herrn Görg nicht erfüllt habe.« Differenzierte Beiträge seien eher selten und es sei zunehmend schwierig, Missbrauch vorzubeugen. »Deshalb stelle ich mich bestimmten Medien einfach nicht mehr als Interviewpartner zur Verfügung.«

Grundsätzlich dürfe die journalistische Kritik und Skepsis an den Insolvenzverwaltern aber nicht verwundern, schreibt RA Dr. Jobst Wellensiek im Editorial der NZI (2009, Heft 15). Diese Erfahrung machten Berufsgruppen wie Ärzte und Pädagogen seit Jahrzehnten. »Wer in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses rückt, muss mit kritischer Berichterstattung leben können.« Zugleich bemängelt Wellensiek andererseits den Hang zu »Sensationsmeldungen« und wirft den Medien vor, viel zu selten auf nähere Einzelheiten, die eine Entscheidung des Insolvenzverwalters begründen können, einzugehen.

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