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Titelthema | Peter Reuter | INDat Report 02_2006

Stein des Anstoßes: Managementfehler

Gravierende Fehler in den Chefetagen sind nach Einschätzung der Top 30-Sozietäten die häufigste Ursache für Firmenpleiten. Insolvenzverwalter haben ihr Ohr ganz nah am Puls des Wirtschaftsgeschehens. Sie analysieren die Insolvenzursachen, um bei jedem Fall über Fortführung, Sanierung oder Abwicklung zu entscheiden. Auch wenn nachweislich immer mehrere Faktoren in die Krise führen – beispielsweise externe wie Konjunkturschwäche und Branchenflaute – bringt Missmanagement in der Mehrzahl aller Fälle die Lawine ins Rollen.

Gerät ein Unternehmen in eine wirtschaftliche Krise, praktizieren viele Unternehmensleiter das Prinzip „Augen zu und durch“. Die Insolvenzkultur in Deutschland hat sich seit 1999 mit Einführung der InsO nur wenig verändert. Vor den Chancen, die in einem Insolvenzverfahren für das angeschlagene Unternehmen liegen, verschließen viele Manager die Augen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Befragung, die INDat- Report bei den Top 30-Verwaltersozietäten gemacht hat. Die Einschätzung der befragten Sozietäten ist nahezu einstimmig: Der Insolvenzantrag kommt meist erst dann, wenn die Rettung eines Unternehmens kaum noch möglich ist. „Auch wenn eine Firma seit Jahren überschuldet ist und die Kassen und Finanzämter pfändend ein- und ausgehen, melden die Schuldner oft nur wegen drohender Zahlungsunfähigkeit Insolvenz an“, sagt Insolvenzverwalter Michael Pluta (PLUTA Rechtsanwalts GmbH). Dr. Fritz Westhelle (Dithmar Westhelle Assenmacher Zwingmann) beobachtet es ähnlich: „Nach wie vor werden die Anträge zu spät gestellt, wobei einzig auffällt, dass mehr Anträge wegen drohender Insolvenz gestellt werden, dies aber auch bei schon lange zahlungsunfähigen Unternehmen.“ Man könne nicht feststellen, dass Unternehmen frühzeitiger Insolvenz anmelden, bestätigt auch Insolvenzverwalter Eckhart Müller-Heydenreich (Müller-Heydenreich Beutler & Kollegen). Dies liege daran, dass die Krise genauso häufig verspätet erkannt werde und genauso oft wie früher untaugliche Rettungsversuche unternommen würden. Verwalter Joachim Voigt-Salus (Voigt & Scheid) spricht aus, was nahezu alle Verwalter festgestellt haben: Es habe sich immer noch nicht herumgesprochen, dass im Insolvenzverfahren eine Fülle von Instrumenten zur Verfügung stehen, um Sanierungen zu organisieren. „Insolvenzanträge werden nicht früher gestellt als zu Zeiten der Konkursordnung“, ist auch die Erfahrung von Dr. Siegfried Beck (Dr. Beck & Partner), der Vorsitzender des Verbands der Insolvenzverwalter Deutschlands (VID) ist. Einige Kreise, und damit meint Verwalter Dr. Wolfgang Schröder (Schröder Rechtsanwälte) Kreditinstitute, Unternehmensberater und Steuerberater, „begreifen die Insolvenzordnung immer mehr als Sanierungsinstrument mit der Folge, dass Insolvenzanträge frühzeitiger gestellt werden.“ Dennoch sei die Realität weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Gesellschafter/Geschäftsführer, die in kleineren Firmen für Bankverbindlichkeiten haften, finden ungeachtet der Vorgaben des § 64 GmbHG erst dann den Weg zum Insolvenzgericht, wenn die Liquidität erschöpft ist. Diese Erfahrung macht auch Verwalter Jens Fahnster (Kalker & Fahnster). Demgegenüber scheuten angestellte Manager, für die mit der Insolvenz der Gesellschaft nicht die persönliche Insolvenz droht, die Rechtsfolgen des § 64 GmbHG und stellten rechtzeitig Insolvenzantrag. Vielen inhabergeführten Unternehmen, deren Chefs zuerst Krisensymptome leugnen und dann unüberlegt alle Reserven locker machen, ist Verwalterin Bettina E. Breitenbücher (KÜBLER) begegnet. Wenn „Haus und Hof komplett verspielt sind“, könne der Verwalter auch nicht mehr viel ausrichten. Bärendienst mit § 613a BGB Der zu lang hinausgezögerte Gang zum Insolvenzgericht gilt in der Branche als Managementfehler Nummer Eins. Die Gründe für dieses Zögern mögen vielfältig sein: Angst vor dem Makel des persönlichen Scheiterns oder vor einer möglichen Haftung. Viele glauben, auch wenn die Vorzeichen ganz anders stehen, doch noch das Ruder herumreißen zu können. Andere erkennen die Krisensymptome überhaupt nicht und sind von dem plötzlichen Bankrott völlig überrascht. Joachim Voigt- Salus gibt zu bedenken, dass der Gesetzgeber im Gegensatz zum US-amerikanischen Konkursrecht wenig getan habe, um die Existenzgrundlagen des insolventen Unternehmens zu schützen. „Auch hat der Gesetzgeber mit der Fortgeltung von § 613a BGB im Insolvenzverfahren Sanierungen einen Bärendienst erwiesen.“ Man könne deshalb zumindest Verständnis haben, wenn der Schritt zum Insolvenzrichter wegen des nichauszuschließenden Risikos, an der Sanierung zu scheitern, möglichst lange hinausgeschoben wird. Burkhard Jung, Vorstand der Berliner CMS AG, die seit 15 Jahren Insolvenzverwalter betriebswirtschaftlich unterstützt, mahnt an, dass auch Verwalter die Möglichkeiten der InsO noch nicht in der Häufigkeit nutzten, wie das im Vorfeld erwartet worden sei: Insbesondere der Insolvenzplan (siehe dazu auch Titelgeschichte INDat-Report 8-9/2005) werde zu selten praktiziert. Geändert hat sich seit 1999 nicht viel, stellt Michael Pluta lakonisch fest: „Es wird weiterhin Vermögen zur Seite gebracht, verschwiegen und ins Ausland verlagert. Der menschliche Charakter ist eben nicht durch Gesetzesänderungen zu beeinflussen.“ Den Anteil der Kriminalinsolvenzen schätzt Joachim Voigt allerdings nur auf etwa fünf Prozent. Aktuelles Beispiel ist die spektakuläre Insolvenz des Hannoveraner Geldtransportunternehmens Heros, bei der über Jahre systematisch Kundengelder für private Zwecke und zum Stopfen von Finanzlöchern unterschlagen wurden, wodurch etwa 1000 Firmen geschädigt worden sind. Eine weitere große Kriminalinsolvenz ist die des Finanzdienstleisters Phoenix, für die sich zwei Ex-Manager seit dem 26.4.2006 vor dem Landgericht Frankfurt verantworten müssen. Der Anlagebetrug soll einen Schaden von 700 Millionen Euro verursacht haben. Als „besonders gravierend“ bezeichnet der Verwalter und Fachhochschullehrer, Prof. Dr. Rolf-Dieter Mönning (Mönning & Georg), die gescheiterten Visionen des Unternehmens CargoLifter, das das Geld von 70.000 Anlegern verschleuderte. „Euphorie“ und „Sendungsbewusstsein“ habe dort die Unternehmensplanung getragen. Die Zahlen sprechen für sich Bleiben Straftatbestände zwar eher die Ausnahme, so sind die meisten Managementfehler aber zumindest sträflich. Auch hier gilt: Der Kapitän muss sein Schiff seetüchtig halten bzw. die Stürme umfahren, sonst droht die Katastrophe. „Managementfehler kommen nahezu fast immer dazu“, sagt Dr. Georg Bernsau (Bernsau Rieger Lautenbach) und beziffert sie mit nahezu 100 Prozent. In mehr als 90 Prozent der Fälle beobachtet Arndt Geiwitz (SKP Partnerschaftsgesellschaft) das Versagen auf der Chefetage – allerdings nur „bei strenger Betrachtungsweise“. Beim typischen Verlauf der Unternehmenskrise, also Strategiekrise, Ertragskrise, Liquiditätskrise, seien Strategiefehler immer Managementfehler. „Vermeintlich rein externe Ursachen – zum Beispiel die Insolvenz eines Großkunden oder eine Branchenkrise – haben ihren Ursprung in der falschen Strategie.“ Von 80 Prozent gehen Dr. Wolfgang Schröder und Dr. Klaus Pannen (Partner White & Case Insolvenz GbR) aus. Auf 75 Prozent schätzen Wolfgang van Betteray (Metzeler van Betteray) und Bettina E. Breitenbücher den Anteil. Von mindestens 50 Prozent, eher von 75 Prozent, geht Dr. Siegfried Beck aus. Legt man ganz enge Maßstäbe an, spricht Eckhart Müller-Heydenreich von 25 Prozent und Dr. Jörg Nerlich (Nerlich Rechtsanwälte) von 20 Prozent bei Kapitalgesellschaften. Peter Leonhardt (Leonhardt & Partner) schätzt den Anteil auf 30 Prozent, wobei er zu bedenken gibt, dass viele Verfahren mangels Masse nicht eröffnet werden und die Verwalter nicht auf die Ursachen stoßen können. Die Abweisungsquote bei Unternehmensinsolvenzen liegt derzeit bei 37 Prozent. „Nach Aussagen des Managements sind es fast immer externe Faktoren, die zur Insolvenz führen“, sagt CMS-Vorstand Burkhard Jung. „Allerdings kann ein gut aufgestelltes Unternehmen auch mit externen Einflüssen – wie Forderungsausfall und Wegbrechen wichtiger Kunden – umgehen.“ Gerade diese richtige Aufstellung des Unternehmens liege in der Hand des Managements. „Man kann also sagen, dass Managementfehler fast für alle Insolvenzen verantwortlich sind.“ Eine Studie der Münchner Unternehmensberatung Wieselhuber & Partner kam zu dem Ergebnis, dass bei 96 Prozent der insolventen Firmen Managementfehler die Krisenursache waren.

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