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Titelthema | Peter Reuter | INDat Report 01_2012

Absturz mit Folgen:

Zu welchen Lasten der Bankrott der GSV-Tochter geht

Köln. Entsetztes Kopfschütteln, ein Hauch von Schadenfreude und sehr viel Aufregung – so sehen die Reaktionen auf die Insolvenz der Servicetochter der Gläubigerschutzvereinigung Deutschland e.V. (GSV) aus. Von Geld verbrennen, Kontrollverlust und Überforderung der Akteure ist die Rede sowie Versagen interner Aufsichtspflichten. Es folgen Schuldzuweisungen und Erklärungen der GSV e.V. Ein großer Schaden lässt sich jetzt schon ausmachen: der Verlust an Glaubwürdigkeit. Darunter leiden die begrüßte Grundidee der GSV, ungesicherten Gläubigern eine Stimme zu geben, der gute Ruf einiger Beteiligter und die beiden Gesellschafter: der österreichische KSV 1870 als Finanzier und die GSV e.V. mit ihrem 1. Vorsitzenden Prof. Dr. Hans Haarmeyer. Sie haben einiges zu erklären.

In Ruhe ausklingen lassen konnten die GSV e.V. und die GSV Service GmbH das auslaufende Jahr 2011 nicht, denn es ging kurz vor Weihnachten in den Büroräumen des Kölner Gerling Ring-Karrees hoch her. Am 21.12.2011 legte Marcus Strotkötter, seit 26.10.2010 Geschäftsführer der GSV Service GmbH, aus wichtigem Grund mit sofortiger Wirkung, wie es heißt, sein Amt nieder. Er soll es damit begründet haben, dass die Gesellschafter – die KSV 1870 Holding AG und die Gläubigerschutzvereinigung e.V. – ihn nicht mehr in einer Weise in die Geschäfte einbezogen hätten, die ihm die ordnungsgemäße Wahrnehmung der Interessen der Gesellschaft in seiner Funktion möglich gemacht hätten. Weitere wichtige Gründe seiner Amtsniederlegung könne er mitteilen. Daraufhin fand am 29.12.2011 eine außerordentliche Gesellschafterversammlung der GSV Service GmbH statt, an der Johannes Nejedlik und Karl Jagsch als Vorstände der KSV 1870 Holding AG und Professor Haarmeyer als 1. Vorsitzender der GSV e.V. teilnahmen – Marcus Strotkötter befand sich im Urlaub. Die Gesellschafter wollten prüfen lassen, ob beim Geschäftsführer eine Amtsniederlegung zur Unzeit vorliege. Zudem beschlossen sie einstimmig die sofortige Liquidation der Service GmbH, die »allen Gläubigergruppen maßgeschneiderte Dienstleistungen rund um Sanierung und Insolvenz und eine starke Vertretung im Verfahren« sowie mit dem GSV-Portal ein »Frühwarnsystem mit zwei Mausklicks« angeboten hatte. Zu deren Liquidator bestellten sie RA Dr. Bernd Westphal aus Köln (Leinen & Derichs Anwaltsozietät) und tauften die zu liquidierende Tochter in GDL Service GmbH um. Der Leiter des bei der GmbH angesiedelten Competence Centers, Jürgen Valder, wurde zum 02.01.2012 von seiner Tätigkeit freigestellt. Das Center war für das Controlling der betreuten Insolvenzverfahren zuständig, setzte anwaltliche Gläubigervertreter ein, koordinierte die Repräsentanten und besetzte die telefonische Hotline.

Bereits am 28.12.2011, also ein Tag vor der Gesellschafterversammlung, verbreitete Haarmeyer in einer E-Mail, dass sich die GSV e.V. »mit sofortiger Wirkung von der Service GmbH getrennt hat«. Eine in den letzten Wochen vorgenommene Überprüfung der Leistungen der Service GmbH durch die Gesellschafter »hat deutlich werden lassen, dass bei der Vertretung in Insolvenzverfahren wesentliche Standards in der Bearbeitung weder inhaltlich noch strukturell so wahrgenommen worden sind, wie es sich aus den von den Gesellschaftern vorgegebenen Standards hätte ergeben müssen.« Zudem habe sich die GmbH »teilweise in Geschäftsfelder hinein entwickelt, die schlicht mit den Zielen einer unabhängigen Interessenvertretung unvereinbar gewesen sind, sodass hier ein klarer Trennungsstrich notwendig gewesen ist«. Gemeint sind damit u.a. Bestrebungen, beim Forderungsaufkauf aktiv zu werden (siehe INDat-Report 06_2011, Seite 9). Man plane nun, so die Ankündigung, eine Umstrukturierung mit Kooperationspartnern. Bis dahin übernehme man die Vertretung der Mitglieder in Insolvenzverfahren selbst.

Der gemeinnützige Verein verschickte dann am 02. und 03.01.2012 zwei Pressemitteilungen. Die erste verkündet die Trennung von ihrem bisherigen Dienstleister, als ob dieser ein x-beliebiges Unternehmen und nicht das der beiden Gesellschafter KSV 1870 und GSV e.V. ist, in dem beide im Beirat sitzen. »Man hat sich zu lange mit Anlaufschwierigkeiten eines Start-Ups getröstet, ohne das tatsächliche Ausmaß an Fehlentwicklungen in einigen Bereichen zu erfassen«, erklärt man. Die zweite Pressemitteilung »Zurück zu den Wurzeln« kündigt die Konzentration des Geschäftsmodells durch die GSV e.V. und die KSV 1870 an, wodurch die »anerkannten und geschätzten Dienstleistungen für die Mitglieder der GSV durch die Neuorganisation der betrieblichen Abläufe weiter verbessert werden sollen«. Seit Mitte des Jahres 2011 hat der Verein allerdings kein Personal mehr, das diese Verbesserungen bewerkstelligen könnte, denn es war auf die Service GmbH übertragen worden. Und auch die Schaltzentrale steht auf wackeligen Füßen, denn die insolvente Servicetochter hatte sich für fünf Jahre in das repräsentative Bürogebäude in der Kölner Innenstadt eingemietet, der Verein war nur Untermieter. Die GSV-Mitglieder klärt Haarmeyer zu Jahresbeginn 2012 schriftlich auf: »Nachdem der Geschäftsführer der Service GmbH unmittelbar vor Weihnachten überraschend sein Amt niedergelegt hatte, führte dies notwendig zur Bestellung eines Liquidators.«

Gläubiger bieten Massekostenvorschuss an

Der eingesetzte Liquidator scheiterte. »Viele Gläubiger haben mein Schreiben unbeantwortet gelassen«, sagt Dr. Westphal. »Einige wenige, die mir ihre Ablehnung schriftlich mitgeteilt haben, haben darauf verwiesen, dass die angebotene Quote zu gering gewesen sei. Die Rückläufer auf mein Angebot reichten jedenfalls nicht aus, um einen Vergleich umzusetzen.« 90 Prozent Forderungsverzicht habe man verlangt, sagt Gläubiger Andreas Th. Becker, Repräsentant der GSV Service GmbH in Rheinland-Pfalz und im Saarland sowie später dortiger Regionaldirektor. Am 09.01.2012 stellte der Liquidator Insolvenzantrag. Das AG Köln setzte Dr. Andreas Ringstmeier zunächst als Gutachter und am 23.01.2012 als vorläufigen Verwalter ein. Sieben Mitarbeiter sind von der Insolvenz betroffen. »Das Verfahren wird voraussichtlich eröffnet, da genügend Masse vorhanden ist, zudem haben Gläubiger einen Massekostenvorschuss beim Gericht angeboten«, bestätigt der vorläufige Verwalter. Die Forderungen gegenüber der GSV Service GmbH lägen derzeit in einem siebenstelligen Betrag – hauptsächlich Repräsentanten und beauftragte Anwälte machen die Gläubiger aus. Zurzeit kursieren gebündelte Forderungsangebote für Käufer, die in einem Gläubigerausschuss mitwirken wollen. »Nach Eröffnung des Verfahrens wird der Insolvenzverwalter sicherlich die ganz erheblichen Geld(ab)flüsse genau untersuchen, wobei er durch den Gläubigerausschuss unterstützt werden soll«, hofft Andreas Th. Becker. »Auch die zuständige Staatsanwaltschaft wird die einzelnen Geschäftsabläufe und Verantwortlichkeiten einer genauen Prüfung und Wertung unterziehen.«

Die Service GmbH hat Geld en masse verbrannt. In monatlichen Tranchen floss das Darlehen der KSV 1870 an die am 19.10.2010 aus der Düsseldorfer Blitz D10-zwei-null-drei GmbH hervorgegangene Servicetochter (49 Prozent KSV 1870 Holding AG/51 Prozent GSV e.V.), insgesamt 3,6 Millionen Euro. Das bestätigt StB/WP Christoph Hillebrand, Vorstandsmitglied der GSV e.V. und deren Schatzmeister: »Nach Ende des ersten Quartals 2011 zeichnete sich ab, dass das Gesamtkreditvolumen von 3.000.000,00 Euro zur vollständigen Finanzierung des Projekts nicht ausreichen wird. Vom Geschäftsführer der GSV Service GmbH wurde ein Nachfinanzierungsbedarf von 600.000,00 Euro ermittelt, der von der KSV 1870 Holding AG zur Verfügung gestellt wurde. Die zugrunde liegende Planung sah deutliche Liquiditätsüberschüsse ab September 2011 vor. Insofern gab es die ersten Hinweis im Oktober 2011, als feststand, dass die Planziele nicht erfüllt waren.«

Das Missmanagement der Service GmbH erklärt Hans Haarmeyer so: »Wirtschaftlich betrachtet ist die GSV Service GmbH an der Hauptaufgabe, Mitglieder für den Verein zu gewinnen, gescheitert. Mit einem Gesamtaufwand von fast vier Millionen Euro ist es gerade einmal gelungen, nicht ganz 400 Mitglieder einzuwerben.« Damit seien die vorgegebenen Ziele um ein Vielfaches verfehlt worden. »Am Ende lag dies wohl an einer falschen Markteinschätzung und einer nicht funktionierenden Vertriebsstruktur. Das System der Repräsentanten hat einfach versagt. Jeder Repräsentant hatte z. B. die vertragliche Zielvorgabe, 300 Mitglieder und 600 Verfahren im Jahr zu gewinnen. Der Fehler war, dass es dafür zwar ein Bonus-, aber kein Malussystem gab. Es wurden also Tagessätze eingekauft und bezahlt, egal, wie viel der einzelne an Mitgliedern warb. Hier ist enorm viel Geld, das der KSV zur Verfügung gestellt hatte, verbrannt worden.« Als man dies dann im Herbst festgestellt und gegengesteuert habe, sei es einfach zu spät gewesen, im Rahmen des vorgegebenen Investitionsrahmens noch »das Ruder herum zu reißen«.

Mit elf Repräsentanten hatte man angefangen, zum Schluss waren 35 im Einsatz, doch es sollten noch viel mehr werden. Als die GSV e.V. am 29.09.2010 den »operativen Start« ausrief, kündigte sie zwölf Regionaldirektoren und sogar 150 Regionalrepräsentanten an. Die aktuellen GSV-Vertreter nach Regionen sind auf Landkarten vorgestellt worden. Eine dieser Karten suggeriert, dass die Hannoveraner Kanzlei Römermann als Repräsentant auftrete. Das stimme nicht, betont RA Dr. Volker Römermann, man habe lediglich eine anwaltliche Gläubigervertretung an Gerichten wahrgenommen, an denen die Verwalter seiner Kanzlei nicht bestellt werden. Er werde nun abwarten, wie sich die GSV e.V. neu aufstellt, um dann zu entscheiden, ob man weiterhin kooperieren wolle. Einer weiteren Zusammenarbeit mit dem Verein steht z.B. RA und FA InsR Jan Theo Baumann als Gläubigervertreter positiv gegenüber, teilte er mit. Andere ehemalige Vertreter, z.B. Repräsentant Dr. Ullrich Hammer, der Mitglieder aus der Versicherungsbranche warb, bezeichnet die Vorgänge als »skandalös«. Er wolle zu einer lückenlosen Aufklärung beitragen, denn es könne nicht sein, dass ein Gläubigerschutzverein seine Service GmbH in die Insolvenz schicke und alle Vorstände die Gläubiger »im Regen stehen lassen«.

Haarmeyer: Geschäftsführer Strotkötter bemühte sich und war überfordert

Viele Fragen richten sich natürlich an den ehemaligen Geschäftsführer Marcus Strotkötter, der auf Anfrage mitteilt, sich derzeit im laufenden Verfahren nicht äußern zu wollen – ungeachtet dessen, dass sich andere Verantwortliche zu Wort melden. Auch Jürgen Valder will derzeit nichts sagen. Der vorläufige Verwalter bestätigte, dass Strotkötter unverzüglich, nachdem er ihm als Gutachter bekannt gewesen sei, seine Kooperation angeboten habe. »Marcus Strotkötter als Geschäftsführer der GSV Service GmbH hat sich wie kaum ein anderer um die Sache der GSV bemüht«, betont Haarmeyer. »Durch den krankheitsbedingten Ausfall des zweiten Geschäftsführers [Andreas Gräfer, GF vom 19.11.2010 bis 14.04.2011] im Frühjahr stand er aber aus heutiger Sicht wohl vor einer Aufgabe, die ein Einzelner kaum bewältigen konnte. Er war schlicht überfordert.« Als das ganze Ausmaß der wirtschaftlichen Probleme deutlich geworden sei, so Haarmeyer, habe sich das Vertrauensverhältnis zwischen Gesellschaftern und Geschäftsführer deutlich abgekühlt »und seine Einschätzung, die er selber mir gegenüber geäußert hat, dass er das Gefühl hat, nicht mehr vom Vertrauen der Gesellschafter getragen zu sein, ein wechselseitiges Empfinden über ein nicht mehr vorhandenes Miteinander gewesen ist.« Auch der Verwalter RA Jan H. Wilhelm, der im erweiterten Vorstand der GSV e.V. sitzt, sieht es ähnlich: »Nach mir vorliegenden Informationen sind möglicherweise die Beteiligten mit der Strategie und mit der Mittelverwendung schlichtweg überfordert gewesen.«

Die Mittel flossen nicht nur zu den Repräsentanten und beauftragten Anwälten, sondern auch zu der GSV e.V. als Spende und als Darlehen, an den KSV 1870 für in Anspruch genommene Dienstleistungen sowie an den technischen Betreiber des GSV-Portal, die STP Portal GmbH, die die Rechte an diesem Portal hält. Diese Zahlungen wird der (vorläufige) Verwalter u.a. auch in Hinblick auf Anfechtungstatbestände überprüfen. Man vermutet, dass daher auf den Verein hohe Forderungen zukommen könnten. So werde die an die GmbH zu entrichtende Miete für die Büromitnutzung überprüft. Auch hat sich die GSV e.V. Mitarbeiter von der GmbH zeitweise ausgeliehen. Viele zahlende GSV-Mitglieder hat der Verein nicht gewinnen können. Aber die anerkannte Gemeinnützigkeit hat ihn für Spenden empfänglich gemacht – und darauf wird man weiterhin setzen: Auf Spender wie den ehemaligen Insolvenzverwalter und Autor des umstrittenen Buchs »Kartell der Plattmacher«, RA Andree Wernicke, der sich auf seiner Homepage Fördermitglied der GSV nennt.

Viel hat und will sich die GSV e.V. leisten. Der jährliche GSV-Bundeskongress soll dieses Jahr wieder stattfinden, dieses Mal verschoben auf den 20. September und von Bonn nach Köln verlegt, bei dem es, was bekannt ist, nur ganz wenige zahlende Teilnehmer gibt. Auch der von Haarmeyer/Frind verfasste, im Kohlhammer Verlag erschienene »Kompass Recht: Insolvenzrecht« (17,90 Euro), der tausendfach kostenlos »Mit freundlicher Empfehlung der GSV e.V.« auf Kongressen verteilt worden ist, schlägt sicherlich zu Buche. Zudem trat die GSV e.V. am 04.11.2011 als Sponsor des FDP-nahen 7. Deutschen Mittelstandstags in Stuttgart auf. Darüber hinaus hat die GSV e.V. der ehemaligen ZertRate GmbH & Co. KG, dem Anbieter des von Haarmeyer verantwortlich entwickelten DIAI-Ratings, Mitte 2011 eine größere Summe für »immaterielle Güter« bezahlt. Ursprünglich sollte die Service GmbH diesen Deal abwickeln (siehe INDat-Report 02_2011, Seite 6).

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