INDat-Report 8-2003

Kassenärzte unter Insolvenzdruck
Experten prognostizieren einen Anstieg von Arztpleiten

Von Jens Hertling

KÖLN. Früher waren Ärzte diejenigen mit Wohlstand, ja Reichtum. Die Wahl des Arztberufes war unter finanziellen Gesichtspunkten attraktiv.
Das hat sich geändert. In jüngster Zeit haben sich massive Verschlechterungen ergeben: die Praxisgewinne gingen unter Budgetdeckelung deutlich zurück, einige Ärzte mußten ihre Praxen auch schon wieder schließen; bei den angestellten Ärzten haben manche befristete Anstellungsverträge, Gehaltsreduzierung und betriebsbedingte Kündigungen hinnehmen müssen. Ob sich die neue Gesundheitsreform einen Anstieg der Insolvenzen von Ärzten zur Folge haben wird - INDat-Report hat sich umgehört.

"Nach Schätzungen der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe sind 20 bis 25 Prozent aller Praxen in Westfalen-Lippe wirtschaftlich gefährdet. Zur Zeit laufen dort 22 Insolvenzverfahren. Bei derzeit 23 Kassenärztlichen Vereinigungen ergebe dass eine Zahl von etwa 600", erklärt Christiane van Zwoll, Partnerin der Sozietät Dr. Rehborn, einer Kanzlei, die sich auf Medizinrecht und in diesem Bereich auf die Insolvenz von Ärzten und Krankenhäusern spezialisiert hat. Und: "Die Arztpraxis ist schon lange keine Goldgrube mehr." Auch die Presse hat das Thema "Ärzte und Insolvenz" aufgegriffen. So berichtete die "Ärzte Zeitung" am 24. April 2003 mit der Titelgeschichte: "Pleite von Facharzt-Praxen im Norden sorgt für viel Aufsehen". Hintergrund des Berichts war, dass im Bereich der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein in kürzester Zeit neun Praxen einen Insolvenzantrag gestellt hatten.
Auch die Fachpresse widmet sich dem Thema mit immer mehr Interesse. So gelang Verwalter Harald Hess und Andreas Röpke in ihrem Aufsatz "Die Insolvenz der kammerabhängigen freien Berufsangehörigen" (NZI 5/2003, S. 233) zu der Erkenntnis: "Freiberufler, somit auch Ärzte, haben zunehmend, wie die Zahl der Insolvenzverfahren zeigt, wirtschaftliche Probleme."

Freiberufler haben zunehmend wirtschaftliche Probleme

Bedeckt hält sich die Deutsche Apotheker- und Ärztebank, die sich auf Kunden (245.000) aus akademischen Heilberufe spezialisiert hat. "Wir haben keinen Anstieg von Insolvenzen bei Ärzten beobachten können. Was die Zukunft bringt, kann ich nicht sagen", berichtet vielsagend der Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Deutsche Apotheker- und Ärztebank Manfred Hermes auf eine INDat-Anfrage.
Und in Zahlen ausgedrückt? Verlässliche Daten stehen sehr eingeschränkt zur Verfügung. "Als föderalistisch geprägter Verband haben wir keine bundesweiten Datensammlungen zu diesem Komplex", erklärt der Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) Roland Stahl.
In der INDat-Datenbank sind allein im August 21 Insolvenzen von Ärzten registriert. "Die tatsächliche Zahl wird deutlich höher liegen, da nur bei zehn Prozent der Schuldner der Beruf von den Gerichten mitgeteilt wird", sagte Klaus Kollbach, Verantwortlicher für die INDat-Datenbank.
"Betrachtet man die Gesamtzahl der Insolvenzen, ist die Zahl der Arztinsolvenzen unterdurchschnittlich gering", erklärt Rechtsanwältin van Zwoll. Erfasst werden nur die Fälle, in denen ein Arzt oder ein Gläubiger eines Arztes einen Insolvenzantrag gestellt haben. "Es ist davon auszugehen, dass viele Ärzte in der Grauzone der verdeckten Insolvenz praktizieren. Viele unwirtschaftliche Praxen werden nicht geschlossen, sondern durch das Einbringen des Einkommens des Ehepartners subventioniert", so van Zwoll.
Gleichzeitig prophezeit van Zwoll in Zukunft eine höhere Zahl von Insolvenzen.

 

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