INDat-Report 05-2005
„Firmenbestattung ist ein bundesweites Problem“
Wirtschaftskriminalisten schätzen den Schaden auf mehr als fünf Milliarden Euro
von Jens Hertling
BERLIN/MÜNCHEN/GERA. Jedes Jahr müssen viele Unternehmer beim Insolvenzgericht bekannt geben, dass sie mit ihrer Firma am Ende sind. Aber Krisen bringen auch neue Boombranchen hervor, so zum Beispiel die Firmenbestatter. Ein Grund mehr für INDat-Report, sich dieses Themas anzunehmen.
„Hilfe im Insolvenzfall binnen 24 Stunden!“. Solche Anzeigen, die einen Ausweg für hoffnungslose Situationen vortäuschen, finden sich immer wieder in den Anzeigenspalten von Tageszeitungen und im Internet. Dahinter stecken so genannte gewerbsmäßige Firmenbestattungen: Geschäftsführer von Firmen, die zahlungsunfähig sind, übertragen Geschäftsanteile und Geschäftsführung an den „Bestatter“, um sich so der Verantwortung zu entziehen. Der neue Geschäftsführer schließt die Firma, die Gläubiger haben das Nachsehen: Der frühere Geschäftsführer beruft sich darauf, dass er ja gar nicht mehr der Geschäftsführer sei, sein Nachfolger ist zumeist nicht greifbar und wohnt im Ausland. „Diese Vorgehensweise ist leider nicht selten, aber absolut illegal“, sagt Michael Pluta (PLUTA). „Das ist schon ein Alltagsgeschäft für den Verwalter, der einen solchen Fall mit der Schuler Metallbau GmbH erlebte. „Die Firma war pleite. Dennoch wurde der Insolvenzantrag nicht gestellt. Das Geld kam nicht den Gläubigern zugute, sondern wurde als Honorar an die Bestatter gezahlt.“
Firmenbestatter sind Alltag für den Verwalter
Einen aktuellen Fall hat Insolvenzverwalter Jens Lieser (Lieser Rechtsanwälte) auf dem Tisch, als er zum Insolvenzverwalter des City-Kaufhauses in Nastätten bei Koblenz bestellt wurde (siehe auch Focus 25/2005, S. 42) Der Geschäftsführer und damit Verkäufer des Kaufhauses hatte mit der Marbella-Connection, die jetzt gerade in Gera vor Gericht steht, einen „Bestattungsvertrag“ geschlossen. Als neuer Geschäftsführer wurde Arkadius B., ein 34-jähriger Bremer eingesetzt. Lieser: „Die Firma hatte 1,2 Millionen Euro Schulden. Fünf Beschäftigte warteten seit Monaten auf ihren Lohn. Ein Gläubiger hatte Insolvenzantrag gestellt. Ich konnte gerade noch den Räumungsverkauf stoppen.“ „Unterlagen und Computer waren verschwunden, so Lieser. „Das Unternehmen war weitgehend ausgeplündert.“ Lieser weiter: „Erfahrung mit Firmenbestattungen dürften alle Verwalter haben. Sie werden immer häufiger.“
Die Marbella-Connection
Neu-Geschäftsführer Arkadius B. ist einer von mehr als 30 Verdächtigen in einem Mammutverfahren der Staatsanwaltschaft Gera. Etwa 500 Pleitefirmen soll die Marbella-Connection über Strohleute wie B. nach Spanien verlegt haben, um Gläubiger zu prellen. Der Schaden beträgt laut Ankläger zehn Millionen Euro. Kriminelle Firmenbestatter, die marode Unternehmen plündern und platt machen, haben Konjunktur. Die Staatsanwaltschaft Leipzig ermittelt gegen eine ähnliche Bande. Und auch in Berlin fahnden Ankläger nach professionellen Insolvenzbetrügern.
„Firmenbestattung ist ein bundesweites Problem“, sagt Dirk-Peter Hennemann, Kriminaloberrat vom Landeskriminalamt (LKA 32) in Berlin. Dem kann der Stuttgarter Oberstaatsanwalt Dr. Hans Richter nur zustimmen. „In Stuttgart haben wir gerade einen Bestatter zu einer vierjährigen Freiheitsstrafe verurteilt, der bundesweit operiert hat. Dieser Bestatter hatte 150 Firmen beerdigt“, erinnert sich der Oberstaatsanwalt. „Wir konnten ihn überführen, weil er alle Akten in einer Scheune eingelagert hatte. Papier aufzuheben scheint eine deutsche Mentalität zu sein“, schmunzelt Richter.Über 150 Firmen bestattet
Die Münchner Insolvenzverwalter Axel Bierbach und Christian Beutler (Müller-Heydenreich Beutler & Kollegen) haben einen Schaden von 70.000 Euro zu beklagen. Der Grund: Ein Firmenbestatter war den beiden Anwälten zuvor gekommen. Ihr Fall: Ein Christbaumschmuck-Hersteller, der Insolvenz anmelden musste (siehe Süddeutsche Zeitung vom 06.05.2005) hatte einem Möbelhändler eine Lagerhalle vermietet. „Danach wurde der Möbelhändler ‚bestattet’, der Geschäftsführer wurde ausgewechselt. Die Rechtsform wurde geändert und der Laden wurde fortgeführt“, berichtet Bierbach. Das Geld kann Verwalter Bierbach in den Wind schreiben, weiß er doch genau, was passiert, wenn er den Gerichtsvollzieher mit dem Vollstreckungsbescheid zu dem Möbelhändler schickt. „Das sind wir nicht. Wenden sie sich nach Portugal.“ „Es ist eine Kettenreaktion einer zahlt nicht mehr und reißt die anderen mit rein. Die haben ja schließlich auch Schulden zu begleichen, Lieferanten zu bezahlen und Darlehen zu tilgen. So führt eine Pleite zur nächsten“, berichtet Bierbach frustriert. Und: „Das ist wieder ein Beispiel, wie hilflos die Justiz ist.“
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