INDat-Report 02-2005

„An der Presse kommt kein Insolvenzverwalter mehr vorbei“

Verwalterkanzleien müssen in Zukunft mehr mit den Medien zusammenarbeiten

von Jens Hertling

HANNOVER. Gut besucht war eine Veranstaltung des Instituts für Insolvenzrecht in der niedersächsischen Landeshauptstadt zu dem Thema: „Presse und Öffentlichkeitsarbeit im Krisenfall Insolvenz.“ „Ein Thema, das in den Kinderschuhen steckt“, wie ein Teilnehmer vermerkte. Eine Herausforderung mehr für INDat-Report, sich dieses Themas anzunehmen.

Nahezu jeder Verwalter kennt die Situation. Ein Betrieb ist pleite, über Nacht steht er im Mittelpunkt des Medieninteresses. Doch wie muss er handeln? Sollte er mit der Presse reden oder sich in den Mantel des Schweigens hüllen?
Wie sehen das die Medienprofis? „Eine Insolvenz ist ein Krisenfall. Der Verwalter muss aktive Pressearbeit leisten. Er muss die Zielgruppen Gläubiger, Mitarbeiter und Kunden beruhigen. Der Verwalter hat durch die Presse die Chance, der Abwärtstendenz Paroli zu bieten“, erklärt Raik Packeisen, Geschäftsführer der Medien-Agentur insignis GmbH in Hannover.

Der Abwärtstendenz Paroli bieten

Kanzleiberater Dr. Volker Albert Tausch (VerMont-Beratung) erklärt: „Verwalter können vielfach durch Presseinformationen das Klima im Verfahren beeinflussen. Ein engagierter Verwalter, der die Presse informiert, kann so zum Beispiel ein positives Image als ‚Robin Hood‘ erzeugen, das bei Unternehmensinsolvenzen für Übernehmer oder Investoren Vertrauen schafft.“
„An der Presse kommt kein Insolvenzverwalter mehr vorbei“, ist sich der Kölner Medienberater Pietro Nuvoloni (dictum media) sicher. „Pressearbeit ist ein wesentlicher Bestandteil des Verfahrens. Manche Verwalter sind da etwas konservativ und sagen ‚Das ist nichts für uns‘. Das ist aber falsch“, erklärt der Medienexperte, der u.a. bei der Insolvenz der ‚Philipp- Holzmann AG‘ als Medienberater tätig war.

Jeder Fall ist anders

Sein Tipp ist, dass jeder Verwalter bei einem Verfahren schauen muss, „wie groß die öffentliche Reaktion ist.“
Thomas Schulz, u.a. zuständiger Medienberater beim Babcock-Verfahren, berichtet: „Mein erster Auftrag war: Halte die Mitarbeiter bei der Stange. So konnte erfolgreich eine Auffanggesellschaft gegründet werden.“ Und: „Wenn die Gerüchteküche brodelt, muss der Verwalter oder muss ich als sein Medienbeauftragter gegensteuern.“ Er berichtet von einem anderen Fall: „Bei einer Insolvenz stellte sich der örtliche Energielieferant quer. Durch Gespräche und die Andeutung, mit der Lokalzeitung zu sprechen, konnte die Strombelieferung wieder sicher gestellt werden.“

„Wenn die Gerüchteküche brodelt, muss der Verwalter oder muss ich als sein Medienbeauftragter gegensteuern“

Nuvoloni: „Journalisten jagen Stories hinterher, während Verwalter hinter der Quote herjagen. Man muss die beiden gegensätzlichen Interessen zusammen bringen.“ Kanzleiberater Tausch ergänzt: „Nach meiner Erfahrung sind Verwalter, die Rechtsanwälte sind, zumeist glänzende Juristen und im Juristischen gewiefte Taktiker. Um die Öffentlichkeit durch Pressearbeit zu informieren, bedarf es jedoch mehr: Journalisten wollen nicht brilliante juristische Ausführungen zum Verfahrensstand repetieren, sie suchen die ‚Story aus dem Leben‘. Journalisten interessieren sich für die wirtschaftlichen und sozialen Folgen einer Insolvenz, nicht für juristische Fallstricke.“

‚Story aus dem Leben‘

Berater Packeisen erklärt: „Die Redakteure sind keine Fachleute, sie haben in den meisten Fällen wenig Erfahrung mit dem Insolvenzrecht. Deswegen benötigen sie Medienprofis, die der Presse die Sprache der Verwalter übersetzen. Wir sind die Mittler zwischen Verwalter und Redakteuren.“ Nuvoloni: „Viele Redakteure wissen überhaupt nichts mit ‚Insolvenzgeldvorfinanzierung“ oder mit dem Begriff ‚Massekredite‘ etwas anzufangen. Es ist die Aufgabe des PR-Beraters, dies in die Sprache der Medien zu übersetzen.“
Tausch: „Ein weiteres Argument für den Einsatz von PR-Profis: Pressearbeit erfordert Kontinuität, um erfolgreich zu sein. In den wenigsten Verwalterkanzleien gibt es aus meiner Sicht hierfür das Bewusstsein. Es genügt nicht, mal hier und mal da Presseinformationen zu streuen. Nur eine regelmäßige und vertrauliche Zusammenarbeit mit Journalisten bringt’s.“

Regelmäßige Zusammenarbeit mit der Presse

Medienberater Nuvoloni: „Grundsätzlich gilt, dass die Arbeit des Verwalters viel Diskretion erfordert. Aber der Grundsatz: ‚Ich muss schweigen’ ist alt und antiquiert“.
Er ergänzt: „Diskretion ja, aber eine strategische Informationspolitik ist erforderlich. Ein Insolvenzverwalter darf das Feld der öffentlichen Meinung nicht anderen überlassen.“ „Wenn ein Verwalter durch eine falsche Meinung in eine Drucksituation kommt, ist es fast zu spät. Er muss auf die öffentliche Meinung aktiv einwirken.“ Nuvoloni weiter: „Er sollte nicht trommeln, dafür eine kluge und strategische Medienpolitik betreiben.“

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