INDat-Report 3-2003
"Firmenbestatter" in Haft
17 Jahre nach seiner Flucht wurde Dresse festgenommenVon Jens Hertling
CHEMNITZ/AACHEN. 17 Jahre nach seiner spektakulären Flucht aus Aachen, wo er sich mit 20 Millionen Mark absetzte, ist der frühere Konkursverwalter Wilhelm Dresse in Chemnitz wieder aufgetaucht - in Handschellen. Der Grund für die Festnahme: Dresse soll in Sachsen Firmen "bestattet" haben.
Chemnitz - März 2002: Wilhelm Dresse war überrascht, aber er machte keine Probleme, als ihn Beamte des Landeskriminalamtes (LKA) Sachsen beim Betreten eines Bürohauses in Chemnitz festnahmen. Doch eigentlich hätte er immer schon damit rechnen müssen - er ist seit langer Zeit schon auf der Flucht.
Rückblick. Vor 17 Jahren war das alles noch anders - Dresse zählte zu den Upper Ten der Stadt Aachen. "Der Verwalter war gesellschaftlich angesehen. In Aachen galt er als einer der renommiertesten Konkursverwalter. Zum Zeitpunkt seiner Flucht betreute er alleine 20 Konkursverfahren - er war an den Gerichten Aachen und Mönchengladbach bestellt", sagt Verwalter Rolf-Dieter Mönning.
Später wurde der Fall Dresse zum "größten Finanzskandal Aachens", wie die Tageszeitung Aachener Nachrichten am 22. Juli 1986 titelte.Der Fall Dresse: Der größte Finanzskandal Aachens
"Quasi über Nacht verließ der Verwalter seine Familie und seine Kanzlei. Das alles hat in Aachen für einen großen Wirbel gesorgt - eine unschöne Geschichte", so Mönning. Und: "Besonders merkwürdig war, dass die Justiz in Aachen vor dem Verschwinden von Dresse nicht reagiert hat. Der Antrag eines Handwerksmeisters auf Arrest wurde vom Landgericht Aachen abgewiesen, da es sich um einen "angesehenen Bürger' handele".
Laut Aachener Nachrichten hinterlässt Dresse offiziell 6,8 Millionen Mark Schulden, inoffiziell 20 Millionen Mark. Die Staatsanwaltschaft sucht ihn jetzt per Haftbefehl. Der Vorwurf: Untreue, Betrug, Unterschlagung und Nichtabführen von Sozialversicherungsabgaben.
"Dresse war auch Mitglied des DAV - Arbeitskreises für Insolvenzrecht. Es fiel mir damals schon auf, dass er ständig neue Autos fuhr. Insgesamt war die Episode Dresse für die Verwaltergilde keine schöne Geschichte", ergänzt Hans P. Runkel, Vorsitzender des Arbeitskreises der Insolvenzverwalter Deutschlands (AID).
Dresses Spur führt ins Ausland. Erst von Gibraltar, Marbella, Casablanca nach Griechenland. Doch weder Interpol noch die Fernsehsendung "XY ungelöst" führen zu einem Fahndungserfolg. Schließlich verjähren seine Aachener Delikte im Jahre 1996. Prompt tauchte Dresse wieder in der Öffentlichkeit auf - und wird vom Fernsehmagazin "Fakt" in Halle als britischer Immobilienhai "Raymond M. Sullivan" vorgestellt.Falscher Pass wird zur Falle
Doch Dresse bleibt unbehelligt und lässt sich in aller Stille in Leipzig
nieder.
Ins Visier der Fahnder des Landeskriminalamtes gerät Dresse nur zufällig, als einer seiner Mitarbeiter 2002 bei einer Bank ein Konto eröffnen will. Der griechische Pass fällt den Mitarbeitern auf. Eine Überprüfung ergibt: Der Pass ist gefälscht. Die folgenden Ermittlungen führen die Beamten zu Dresse, der inzwischen als "Firmenbestatter" agiert.
"Als Kopf einer mit hoher krimineller Energie operierenden Bande hat Dresse Geldwäsche, Untreue, Kreditbetrug, Insolvenzverschleppung und Steuerhinterziehung betrieben", sagt Herbert Schröttke, Sachbearbeiter des LKA-Sachsen, Regionalstelle Chemnitz.
Dresse werde verdächtigt, seit Jahren insolvente Firmen in betrügerischer Absicht aufgekauft zu haben. In Zeitungsinseraten habe er seine "Hilfe" für wirtschaftlich schleudernde Betriebe durch rechtswidrige Inkassotätigkeit angeboten, um die Unternehmen "wieder flott zu machen". Dazu gehörten auch das Ablösen der bisherigen Geschäftsleitung und die Verlegung des Firmensitzes.[...]
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